“For Mayor Godfrey Buehler”
Deutschamerikanisches
Charakterbild
in
8 Aufzügen
To be included in a forthcoming Max Kade Institute publication, German-Language
Literature in America
Personen.
Gottfried Buehler, Mayorskandidat.
Marie, dessen Frau.
Rosa,
Fritz, 12 Jahre alt, @ deren
Kinder.
Gustav Dorn, Schwager Buehlers.
Mr. C. J. Oldham, Neffe Buehlers.
Christian, Kutscher
Dörte, Stubenmädchen @ im Hause Buehlers.
Judge Thompson, Mayorskandidat.
Harold, dessen Sohn.
Peter Deutsch, genannt “Dutch Pete,”
Saluhnkieper.
Mrs. Mayer, Präsidentin des
Schulvereins.
Rebecca Sonnenstrahl.
Mauser, Stadtrathsmitglied.
Ein Ticketpeddler. Ein Reporter. Die Sekretärin des Schulvereins.
Postbotin. Loosverkäuferin.
Mr. Smith,
Mr. Jones, A Freunde und Parteigenossen
Thompsons.
Mr. Crooke,
Mr. Cook, A
Mr. Balzer,
Mr. Knödel, Freunde und Parteigenossen Buehlers.
Mr. Lutz, A
Freundinnen Rosas.
Fairbesucher.
Damenkommitee. Barney, der
Kutscher des Nachbars.
Ort der Handlung:
Porcupine City.
Der
erste Akt spielt auf einer deutschamerikanischen Fair, am Schlußabend
derselben. Der zweite am Nachmittag und
Abend des darauffolgenden Wahltages.
Der dritte am Morgen nach der Wahl.
Zeit: Gegenwart.
Die
folgende Drucklegung des Stückes geschieht in der vortrefflichen
Bühneneinrichtung meines Freundes Ferdinand Welb, welch feinsinnigem
Dramaturgen und gewandtem Spielleiter ich zu bleibendem Danke verpflichtet bin.
Es ist auch großentheils seiner vortrefflichen Personifizirung des “Gottfried
Buehler” zuzuschreiben, daß das Stück denjenigen Erfolg errang, den es sich,
seiner Zeit, bei mehrmaliger Aufführung in Milwaukee rühmen durfte.
Einige Winke für die
Darstellung der Hauptpersonen des Stückes.
————————
Gottfried Buehler,
um dessen Person und Wesen sich
das Stück dreht, stelle ich mir als einen gutsituirten, braven, aber eitlen und
ehrgeizigen Deutschamerikaner vor. Er
hat eine mittelmäßige Erziehung genossen und ist durch ein gut Theil
angestammter, oder in Amerika erworbener common sense und Thatkraft, zu
Wohlstand gelangt. Er hat ein klein
wenig vom Parvenüe, aber ohne die Rohheit dieser Gattung. Seine Sprechweise ist die so vieler Deutscher
in den Vereinigten Staaten: unscharfe Aussprache, Anklang an das Mittel- und
Süddeutsche, untermischt mit spezifisch englischen Wendungen und Brocken. Wo letztere erscheinen, sollen sie, ohne
besondere Betonung — wie selbstverständlich — in seinen Reden zum Ausdruck
kommen.
Das
Englische, das er zu sprechen hat, soll der deutsche Schauspieler, sofern ihm
die englische Sprache nicht geläufig ist, sorgfältig zu erlernen suchen. Je näher der Schauspieler deutscher Zunge
dem richtigen Englisch kommt und je sichtlicher seine Anstrengung wird, um so
stärker wird die Wirkung sein. Denn
Buehler ist einer jener Deutschen, die trotz langjährigen Aufenthalts in
Amerika des Englischen nicht ganz Herr geworden sind. Einem im Lande geborenen deutschen Schauspieler wird diese Rolle,
oder vielmehr der englische Theil derselben, weniger gelingen.
Der
politische Inhalt der Reden Buehlers, mag, nach Maßgabe der in der Gegenwart
schwebenden Tagesfragen, verändert werden.
Solche Aenderungen aber müssen diskret vorgenommen werden. Besonders muß das Einerseits und Anderseits
seiner Hauptrede, am Schlusse des ersten Aktes, beibehalten bleiben und im
Uebrigen darauf gesehen werden, daß Buehlers Charakterbild nicht vergröbert
wird.
Sein
Alter ist circa 46 Jahr. Er sollte in
anständiger, gutpassender Kleidung dargestellt werden. Ein wenig Wohlbeleibtheit wäre auch zu
empfehlen.
Frau Marie Buehler.
Einfache
deutsche Hausfrau in guten Verhältnissen.
Sie hat, im Gegensatz zu ihrem Manne, eine etwas feinere Erziehung genossen. Ihr Sinn dreht sich lediglich um ihr
Hauswesen und ihre Familie. Sie ist
freundlich und gescheidt, ohne geistreich sein zu wollen. Ihre Sprache ist die gewöhnliche, auf
deutschen Bühnen übliche. Alter etwa 40
Jahre.
Rosa Buehler.
Aehnelt
meist ihrer Mutter. Sie ist 18 bis 19 Jahre alt, an einer guten
deutsch-englischen Schule in den Vereinigten Staaten erzogen; spricht perfekt
deutsch. Wo in ihren Reden englische Worte vorkommen, sollten dieselben
möglichst korrekt im Accent zum Ausdruck kommen. An ihr soll sichtbar werden
etwas von amerikanischer Klugheit und eine gewisse Sicherheit im Auftreten;
andererseits soll aber Pedanterie und Altklugheit vermieden werden.
Eine
lebendige Darstellung würde dieser Figur, obgleich ich nicht versucht habe, dieselbe
besonders auszumalen (da sie nur in zweiter Reihe wichtig für die Handlung des
Stückes ist), wohl zu statten kommen.
Gustav Dorn
ist typischer Deutschamerikaner
von gediegener Bildung. Ist sich des Ansehens, das er unter der Bevölkerung
deutscher sowohl als englischer Zunge genießt, bewußt. Er soll mit Frische und
Humor dargestellt werden. Er hat den Krieg zur Erhaltung der Union mitgemacht
und einen Arm dabei verloren.
Judge Thompson.
Anglo-Amerikaner
von Bildung, dem man es ansehen muß, daß er gereift ist und sich einigen
Schliff erworben hat. Er spricht gutes Deutsch, aber der Schauspieler muß das
englische “R” (mit der Zunge vorn am Gaumen) und das englische “L” (Zunge
hinten an den Gaumen gedrückt), wo immer diese Buchstaben vorkommen, benutzen.
Dieser Punkt muß sorgfältig beobachtet werden, da nur auf diese Weise ein
Anglo-Amerikaner auf einer deutschen Bühne in den Vereinigten Staaten glaubhaft
gemacht werden kann.
Thompson
ist etwas steif im Benehmen. Sollte mager dargestellt werden. Er ist genau in
Allem, aber nicht ohne Wohlwollen.
Harold Thompson.
Dies
ist vielleicht die schwierigste Rolle des Stückes. Harold soll etwas von der
Ungelenkigkeit oder vielmehr der Eigenheit des Benehmens der Yankees zeigen,
welche Attribute darzustellen dem deutschen Schauspieler einige Schwierigkeiten
bereiten dürften. Dabei muß alles Karrikiren vermieden werden. Dieses besonders
in der Kleidung. Dieselbe muß fashionabel, darf aber nicht stutzerhaft sein.
Er
spricht gutes Deutsch in derselben Weise wie sein Vater, der ihm eine Erziehung
auf einer deutschen Universität hat zutheil werden lassen.
Oldham
ist ein deutschamerikanischer
“Dude” (Dandy, Stutzer), dabei verschlagen und ein Intriguant. Das Englische,
das er spricht, muß perfekt sein; während sein Deutsch — wie das von den
Thompsons gesprochene — mit dem englischen “R” und “L” versetzt werden muß. Er
liebt Rosa nur oberflächlich und sieht in ihr lediglich die gute Partie.
Peter Deutsch
(Dutch Pete) ist der landläufige
deutschamerikanische Bierwirth ober “Saluhnkieper.” Breit, kommun und derb im
Wesen wie im Aussehen. Er sollte möglichst dick personifizirt werden,
ohne Schnurrbart, aber mit rothblondem Kinnbart und gleichfarbiger Perrücke.
Hier
muß wieder bemerkt werden, daß etwaige vorkommende englische Brocken korrekt
(im Sinne wie diese Art Leute sie eben sprechen) hervorgebracht werden. Alle
Rollen, worin solche spezifisch deutsch-amerikanische Merkmale vorkommen,
müssen auf ein hiesiges Publikum lächerlich anstatt komisch wirken, wenn sie in
dieser Beziehung unwahr dargestellt werden.
Christian
habe ich als Schwaben aufgefaßt,
weil mir diese Landsleute geläufig sind. Ich habe nichts dagegen, wenn diese
Figur schweizerisch, bayerisch oder österreichisch gespielt wird. Man richte
sich darin nach vorhandenen Kräften; nur muß die Rolle süddeutsche Färbung
haben, weil cholerische Temperamente im Süden häufiger angetroffen werden als
im Norden. Gutmüthigkeit ist ein Hauptmerkmal dieser Episodenfigur.
Dörthe
ist Repräsentantin der großen
Rasse von Dienstmädchen, die ein gemischtes Deutsch, wie ich es angewandt,
sprechen. Das Pommerisch-Mecklenburgische ist dabei vorherrschend. Man vermeide
das Städtisch-Berlinische indessen soviel als möglich. Mit den Redensarten ist
es zu halten, wie ich unter “Peter Deutsch” angegeben. Korrektes
Auswendiglernen eines jeden Wortes ist unerläßlich.
Ticket Peddler.
Muß
starken plattdeutschen Anklang haben. Zuviel mag indessen dem Verständniß
seitens der Zuhörer nachtheilig sein. Wenn mein Versuch im Plattdeutschen von
einem Schauspieler, dessen Muttersprache Niederdeutsch ist, verbessert werden
kann oder soll, so hüte er sich nur davor, die Sache allzu echt zu machen. Der
allgemeine Ton wohlgetroffen ist dem zu genauen Markiren des Einzelnen in der
Sprache vorzuziehen.
Die
übrigen Rollen sind von geringerer Bedeutung und bedürfen dieselben deshalb
keiner weiteren Erklärung meinerseits.
Daß
ich mich überhaupt einer Erläuterung der Figuren meines Stückes unterzogen habe
— ein, wie ich glaube, bei Autoren rein- oder reichsdeutscher Werke nicht
übliches Berfahren, — so geschah es einmal seines ungewöhnlichen Inhaltes wegen
und zum andernmal unseren hiesigen Schauspielern, deren Mehrzahl nur kurze Zeit
im Lande lebt, einen kleinen Leitfaden an die Hand zu geben, der ihnen eine
glaubhafte und treue Darstellung der Figuren des Stückes ermöglichen soll.
Wenn
je bei einem dramatischen Werke es auf Naturtreue “richtigen Ton” und wahre
“Atmosphäre” ankam, so ist dies bei folgendem Stücke der Fall. Andrerseits glaube
ich, wird es dem Schauspieler bei einiger Liebe zur Sache, und vorhergehender
sorgfältiger Beobachtung deutschamerikanischen Lebens und Treibens, gelingen
die erheblicheren Gestalten des Stückes, sich zu Dank und den Zuschauern zum
Genusse, darstellen zu können.
J.
G.
Erster Akt.
————————
Die
Szene stellt eine sogenannte “Fair” dar, welche von einer deutschamerikanischen
Schule zum Zwecke der Kasse eines deutschamerikanischen höheren Institutes
aufzuhelfen, veranstaltet worden ist. Die Bühne ist festlich bekränzt und
beflaggt. Buden mit allerlei Zierrath und Kunterbunt besetzt, sind an den
Seiten aufgestellt und laufen desgleichen am Hintergrund entlang. Auf einer
Erhöhung in der hintern Ecke rechts ist ein Flügel postirt, auf dem ein junger
Mann mit Unterbrechungen klimpert. In der Ecke links ist eine “Postoffice”
angebracht. Den Mittelgrund der Bühne nimmt ein mit den Sternen und Streifen
und der Statue der Freiheitsgöttin geschmücktes Bureau ein. Auf den Ecken
desselben Büsten von Washington und Lincoln. Nach vorne zu ist in diesem Bureau
ein ziemlich großer Schalter eingefügt, welcher weit offen steht und hinter
welchem man einzelne, mit Brillen behaftete, ältere Frauen sieht. Dieselben
tragen fast ununterbrochen ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. Ueber dem
Bureau prangt ein Schild, welches deutsch und englisch folgende Inschrift
trägt:
“A
silver ice-pitcher and goblets to be presented to the most popular candidate
for Mayor! Votes 50 cents each.”
Dieses
Service soll irgendwo zur Ansicht ausgestellt sein. Gruppen von Mädchen (theils
in Phantasiekostümen) treten ab und zu und fordern junge und ältere Männer,
Besucher der Fair auf, Loose für alle möglichen Dinge zu nehmen und zeichnen
die Nummern der genommenen Loose dann in kleine Büchelchen ein. An erhöhter
Stelle sollte ein großes sog. “Crazy Quilt” aufgehängt werden und allerlei
sonstige Gegenstände, meistens Haushaltungsartikel mit enormen Preisen
versehen, zum Verkauf ausgeboten werden. In der Coulisse links sieht man das
Ende eines Schanktisches hervorstehen, welcher ebenfalls dekorirt gedacht ist.
Beim
Aufzuge des Vorhanges steht eine junge Dame (Rebecca) neben dem Klavier und
singt: “When the swallows homeward fly.” Dieses Lied hat sie (in
englischer Sprache) unter Begleitung des Klavierspielers schon vorher
angefangen und sie singt beim Aufziehen des Vorhanges eben noch die letzten
Verszeilen. Applaus der Anwesenden im Hintergrunde. Fräulein verbeugt
sich steif und linkisch und läuft dann ziemlich unzeremoniell und kichernd in
den Vordergrund. Einige Freundinnen und Bekannte, darunter Rosa Buehler folgen.
Fortwährend
lebhaft bewegtes Bild. Gedämpftes Lachen und Sprechen. Ab und zu Klavierspiel.
1. Scene.
Rosa, Rebecca,
Freundinnen.
________
(Alle Freundinnen
sprechen und bekomplimentiren Rebecca.)
Erste
Freundin. Fein, Rebecca! Das hast Du hübsch gesungen!
Zweite
Freundin. O so gefühlvoll! Das geht so zu herzen!
Dritte
Freundin. Besonders am Ende das: “Parting, yes parting gives pain!”
Rosa. Aber sage mir, Rebecca,
warum singst Du nicht deutsch? Gerade dieses Lied ist doch im Deutschen viel
schöner.
Rebecca.
Denkst Du? O ich denke nicht! — Die deutsche Sprache ist so hart zu behalten
und sie spricht sich auch so schlecht — (mit etwas niedergeschlagenen Augen) Mr. Oldham meint auch,
das Englische wäre besser zu singen, als das Deutsche.
Rosa. So, meint er das?
Erste
Freundin. O ich, ich denke auch, das Englische ist viel weicher.
Dritte
Freundin. Und viel eleganter — —
Zweite
Freundin. (Mit
Augenaufschlag.) And so full of sentiment.
(Freundinnen ab nach dem
Hintergrund. Von Zeit zu Zeit Klavierspiel während der Szene, doch so, daß es
den Dialog nicht stört.)
Rosa. Sag’ mal, Rebecca, hat
mein Vetter das wirklich gesagt?
Rebecca. Sure! Er sagt,
man müsse die deutsche Sprache — wie eine fremde Sprache behandeln.
Rosa. Das heißt wohl, man
müsse sie schlecht sprechen?
Rebecca.
O sha! Das nicht, aber man sollte sie mehr refined sprechen; — nicht so
breit und gedehnt, — das klingt so dutchy!
Rosa.
Ihm wäre besser, wenn er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und seinen
ehrlichen deutschen Namen behalten hätte.
Rebecca.
Er hat ganz recht, daß er seinen Namen gechanged hat.
Rosa.
Natürlich! Er ist ja Clerk in Sweetberg’s Dry Goods Store; da ist das
Namenumändern ansteckend geworden.
(Oldham im Hintergrund
sichtbar.)
Rebecca. Well, die feinsten
Ladies von Shoddy-Heights kommen nur zu ihm, wenn sie shoppen gehen. —
Doch da seh’ ich ihn kommen und so will ich Euch nicht weiter stören.
(Schnippisch) Denn wenn Du da bist, sieht er mich doch nicht an! Rosie
you’ve made a mash there!
(Mit Gruß an Oldham
vorbei, nach hinten im Vorübergehen Oldham grüßend.)
2. Scene.
Rosa, dann Oldham.
________
Rosa.
(Rebecca
verächtlich nachsehend.) Mash!
Oldham. (Ist schon im Hintergrund
sichtbar gewesen.) How do you do, Rosie!
Rosa.
Guten Abend, Vetter! (gibt ihm die Hand.)
Oldham.
Ich hoffte Dich hier zu finden. Es ist die letzte Nacht, wo die Fair offen sein
wird, dachte ich, und da wird Rosie sure nicht fehlen.
Rosa.
Du hast richtig gerathen. Sind doch die Eltern langjährige Mitglieder des
Schulvereins.
Oldham.
Und dann wird heute Abend (leicht spottend) ja abgestimmt, wer mehr — mehr — — (kann das Wort nicht recht finden) populär ist, Dein Vater
oder Judge Thompson —
Rosa.
Leider ist dem so! Mein verblendeter
Herr Papa glaubt eben, es sei zum Erfolge in der Politik nöthig. Indessen mein
Geschmack ist dies (deutet auf den Schalter) hier durchaus nicht und ich wäre viel lieber zu Hause
geblieben, wenn —
Oldham. Wenn Du nicht hofftest,
Harold hier zu treffen; — ja, ja, ich weiß —
Rosa.
Caspar!
Oldham.
Charles, if you please!
Rosa.
Ach was, Charles! Caspar Julius heißt Du. Doch lassen wir das. Ich weiß, daß Du
auf Harold böse bist.
Oldham. Er hat mich insultirt!
Rosa.
Er nannte Dich einen Dude, — ich weiß es.
Oldham.
Er hat’s Dir also schon erzählt?
Rosa.
Allerdings hat er das; aber Du verdienst auch nicht besser beurtheilt zu
werden, denn Du bringst Deine ganze freie Zeit in Skating Rinks und bei Ice
Cream- und Strawberry Parties zu und gehst regelmäßig in die Sonntagsschule.
Natürlich nur wegen der hübschen Mädchen, die Du dort beisammen findest.
Oldham.
Aber Rosie, Du bist mistaken, — much mistaken. Ich liebe eben die
refined society, die man dort findet. Daß zufällig hübsche Mädchen
darunter sind, ist nicht meine Schuld, — obgleich ich nicht denyen kann,
daß mit das sehr angenehm ist.
Rosa.
Besonders dann, wenn solch ein hübscher Flattersinn mit dem Mund voll Chewing
Gum nach dem schönen Charley schmachtet.
Oldham. Was kann ich helfen?! That’s
my happy luck! Du weißt, Rosie, ich liebe Dich, Dich ganz allein, und ich
gebe keinen Cent um all die Andern! — Wenn Du mir nur ein bischen Vertrauen
schenken wolltest!
Rosa.
Ach ja doch, — ict hatte es ganz vergessen! Du sagtest mir, — ich glaub’, es
war vor einem halben Jahr, — Du liebtest mich und möchtest mich gerne zur Frau
haben. — Und was habe ich Dir damals geantwortet?
Oldham. Du sagtest, wenn ich eine Stelle errungen hätte, welche,
— welche ein Ehepaar ernähren könne so — soll ich wieder anfragen. Jetzt,
Rosie, bin ich soweit!
Rosa. (Lächelnd.) Nun, und was bist Du jetzt?
Oldham. Ich bin shop walker in Sweetberg’s
Store und ziehe achthundert Dollars per annum.
Rosa. Und was hast Du erspart?
Oldham. Erspart? Erspart? — Well,
eigentlich nicht viel. Du weißt ja, wenn man anständig gedressd gehen will. —
Rosa. (Spöttisch.) Und Ausgaben für Schnipelschuhe, Stove Pipes, Bartwichse, Spazierstöcke,
Uhrgehänge, Glaceehandschuhe u .s. w. hat, so behält man von solchem Einkommen
nicht viel übrig, kann mir’s denken! Aber für die Tochter meines Vaters bist Du
nichts. Laß Dir rathen, Caspar, — oder Charley, wenn Dir das lieber ist, —
sieh, dort hinten flanirt Rebecca Sonnenstrahl, die schwärmt für Dich und ist
ganz Dein Fall. Du machst auf einmal drei Menschen glücklich: Dich, Rebecca und
— deren Vater, welch’ letzterer schon längst darnach trachtet, sie unter die
Haube zu bringen und willens ist, wie er sagt: “Einiges zu thun vor seinen
Schwiegersohn!” — Doch nun muß ich Dich verlassen, sei mir nicht böse, Charley (schalkhaft und etwas
malitiös)
ich meine es gut mit Dir! (Ab unter die Menge, wo sie Harold trifft.)
Oldham. (Im Vordergrunde.) That settles it, I s’pose! — Aber warte nur, hochnasige Cousine,
ich will es Dir schon heimzahlen. Der snob Harold hat Dein Herz
gefangen, da ist natürlich der arme Cousin Charley nowhere. (Geht sinnend ein paar
Schritte auf und ab.) Ich muß etwas thun, um mich zu rächen! — Aber wie? — Morgen ist election
day, — ob sich da was thun ließe? — Wenn Thompson defeated würde,
ist’s möglich daß er Einwendung gegen Harold’s Verbindung mit den Buehler’s
machen wird. — Wenn aber Buehler defeated würde? Whew! Welche
Wuth würde der kriegen! Alles würde er verfluchen und verdammen! — I’ve got
it! Es ist da eine dunkle Geschichte in Buehler’s Vergangenheit. Ich muß
mich einmal näher erkundigen. Das wäre ein Fressen für die Zeitungen. Buehler
muß defeated werden! Aber careful, Charley. Buehler ist ein
starker Kandidat — das muß vorsichtig gemacht werden! Er darf nicht ausfinden,
daß Du gegen ihn gearbeitet hast, sonst ist alles played out. (Ab unter die Menge.)
(Klavierspiel, schon vorher unterbrochen, hört ganz auf.)
3. Scene.
Rosa, Harold; später Mädchen mit Loosen.
________
Harold. Rosie, my dear Rosie! Ich bin so
glücklich, Dich zu sehen! Also Dein hartherziger Papa ist meiner Werbung um
Dich noch immer entgegen? Er haßt mich vielleicht?
Rosa. O nein, Harold. Er liebt blos Deine freien
Umgangsmanieren nicht. Würdest Du ihm offen entgegentreten, hättest Du ihm
Deine Aufwartung im Hause gemacht, und ihn nicht eher zu vermeiden gesucht, er
dächte freundlicher von Dir. Statt dessen (zögernd) suchst Du mich Abends — heimlich
— an der Hausthüre auf, ein Umstand, der ihn verstimmt und bewirkt, daß er Dich
eben für einen amerikansichen — Windbeutel hält, (lächelnd) eine Sorte, für die wir
Deutschamerikanker bekanntlich nicht schwärmen! — (Neckisch) Present company always
excepted! (Als
Harold Miene macht, sie für ihre Schelmerei zu umarmen) Halt! Du vergissest, daß wir an
einem öffentlichen Orte sind! Wohin ist auf einmal Deine Yankeereserve? Du hast
Dich ja merkwürdig germanisirt!
Harold. O, Rosie!
Rosa. Hast Du das vielleicht bei Deinen Studien in
Heidleberg gelernt? Seinen Regungen gibt sich höchstens ein Deutscher hin, aber
ein Abkömmling der Puritaner — For shame! —
Harold. Rosie, Du bist ein Göttermädel!
Rosa. Sagte ich’s nicht? Deutsche Studentenphrase!
— Uebrigens vergissest Du ganz, daß wir Feinde sind; politische Feinde! — Wir
sind für “Reform”! Ihr dagegen für bie “blauen Gesetze,” für das
“Puritanische”! Brrr! Harold, wie seid ihr so staubig und verschossen! (Geberde des
Staubabwischens von Harold’s Schulter.)
Harold. (Begeistert.) Rosie, Du bist wirklich eine
kleine Hexe. Aber ’s ist wahr, die politischen Differenzen zwischen unseren
Vätern sind ein schwerer Stein auf unserem Wege.
Rosa. (Neckisch.) Nun, wenn wir Judge Thompson besiegt haben werden, wird
sich der Vater in der Freudigkeit seines Erfolges schon geneigt zeigen.
Harold. (Lachend.) Well, Rosie, Du scheinst sehr
vertrauensvoll zu sein!
Rosa. Verlaß Dich darauf: Gottfried Buehler wird
Mayor dieser Stadt!
Harold. (Lächelnd.) Na, wir werden ja sehen! Uebrigens weißt Du,
Rosie, daß ich gestern Partner von Deinem Onkel Dorn geworden bin? Wenn Du
jetzt durch die Main-Straße gehst, wirst Du in goldenen Lettern auf schwarzem
Schild die Firma: “Dorn & Thompson” prangen sehen!
Rosa. Was Du sagst! Nun das freut mich aber sehr!
Ich habe den Onkel Dorn so lieb!
Harold. (Begeistert.) Und Onkel Dorn arbeitet fleißig
für die Wahl Deines Vaters!
Rosa. Ich weiß es und freue mich umsomehr darüber,
als er anfangs bemüht gewesen war, den Vater von der Kandidatur zurückzuhalten.
Harold. Mr. Dorn ist ein Gentleman! Wie er ein
tapferer Soldat im Kriege war, ist er ein loyaler Freund im Frieden!
Rosa. Der Vater aber ist böse auf ihn, wer weiß
aus welchem Grunde. Indessen glaube ich, daß er, wider seinen Willen, unter
Onkel Dorns Einfluß steht!
Harold. Da wäre vielleicht durch Dorns Hilfe etwas
für unsere Sache zu erwirken?
Rosa. Vielleicht; allein wenn alle Stränge reißen,
bleibt uns immer noch die gute Mutter! Die hält die Liebe ihrer Tochter
nicht für eine Geschmacksverirrung. (Neckisch.) Ich natürlich theile ihre Ansicht nicht ganz, indessen,
—
Harold. Rosie!
(Ein schüchternes Mädchen in phantastischem Kostüm tritt zu Rosa und
Harold, letzterem Loose anbietend.)
Mädchen. Entschuldigen Sie, Mr. Thompson! Möchten Sie nicht auch
ein Loos nehmen? Aeußerst billig — kostet nur 50 Cents!
Harold. (Verbeugt sich.) Well, Miss, was ist’s, was Sie haben? Zeigen Sie mir das Kleinod
und ich will sehen, ob sich’s bezahlt, darauf au spekuliren?
Mädchen. Sehen Sie, dort der elegante Kinderwagen
wird verloost. (Schiebt den Wagen vor.) Wir nehmen nur zweihundert Loose; —
Harold. Aber kleine Miß, Sie wissen ja, ich habe
keinen Gebrauch für solch ein Fahrzeug!
Mädchen. 0 well, Sie können ihn ja aufheben! — — (Pause.)
Rosa. (Wendet sich verlegen weg.)
Harold. (Mit Humor.) Well, auf diese Gefahr hin, können wir’s
ja riskiren!
(Rosa verlegen ab; desgleichen Harold, nachdem er das Loos bezahlt hat,
gefolgt von dem Mädchen, das im Abgehen sein Geld zählt.)
4. Scene.
Dutch Pete, Balzer, Lutz, Knödel (auf der einen Seite der
Bühne.) Smith und Jones (auf der anderen Seite.)
Mrs. Mayer. Dann Buehler.
________
Dutch Pete. (Zu Balzer.) Also, Balzer, so mache mer’s! Mir thun, als ob
mer kein’ dam Cent schpende wollte — you know?
Balzer. Ich versteh’!
Smith. (Zu Jones.) Watch Dutch Pete! I guess, they’re up to a scheme!
Jones. Never mind, we’ll fix ’em.
Dutch Pete. (Zu Balzer.) Of course, hie und da lasse mer en halbe
Dahler fliege.
Lutz. Nur daß es so aussieht, als ob mir thäte!
Balzer. Gegen’s End, aber, wird ringepitscht!
Dutch Pete. Also ufgepaßt!
Balzer. All right!
Knödel. Weiß schon!
Lutz. Also druff!
Alle. Ah, da kommt er! Guten Abend, Captain Buehler.
(Buehler tritt auf. Allgemeines Händeschütteln. Buehler tritt an den
Schalter zur Frau Präsidentin Mrs. Mayor. Diese verbeugt sich freundlich
lächelnd.)
Buehler. Guten Abend, boys, how are you? (Im Rednerton durch die
Oeffnung.)
Mrs. Mayer wünsch’ Ihne schön guten Abend! — Es ist ein herrliches Fest, was
Sie da arrangirt habe und welches in der Geschichte deutscher Bestrebunge in
Amerika ohne Gleiche dasteht!
Mrs. Mayer. Mr. Buehler, Sie sind zu
freundlich! Wir thun nur unsere Schuldigkeit! Wenn man eine so große,
wichtige Sache im Auge hat —
Buehler. Ja, die deutschamerikanische
Landesuniversität? Sie ist kein leerer Wahn mehr, wie der Dichter so schön
sagt, — sie lebt, sie is a fact! Deutsches Wissen, deutsche Kunst und
das deutsche — — —
(Stimmen im Hintergrunde an der Bar a tempo: “Beer!”)
(Buehler, ohne Unterbrechung fortfahrend) — Lied werden endlich eine
Stätte finden auf fremdem Bode und All’ das werde mir nur Ihne zu verdanke habe
und Ihrem herrliche Frauenverein. Möge er wachse und gedeihe! (Reicht ihr die Hand;
dann in gewöhnlichem Gesprächstone) By the way, was macht Mr. Mayer? Hab ihn gestern on
’change net gesehe?
Mrs. Mayer. Er fühlt nicht gut, Mr. Buehler. Er
hat Kalt bekommen und muß das Zimmer hüten.
Buehler. You don’t say! Thut mir leid!
Grüße Sie ihn von mir. Hoffentlich wird er morge all right sein und sei
Bürgerpflicht thun?
Mrs. Mayer. Gewiß! Morgen muß er ’raus! um (verbindlich lächelnd) für “Buehler und Reform”
zu stimmen!
Buehler. Sehr schmeichlhaft! Grüße Sie Mr. Mayer
von mir! Guten Abend! (tritt abseits und plaudert mit Freunden.)
(Händeschütteln. “Buttonholing.” Buehler wird von Pete nach
der Seite geführt. Letzterer flüstert ihm in’s Ohr. Buehler flüstert zurück,
schiebt den Hut auf den Hinterkopf, dann wieder auf die Stirn, gestikulirt und
scheint außerordentlich Wichtiges mit seinem “Buttonholer” vorzuhaben.
Inzwischen:)
Knödel. (In den Schalter laut.) Two votes for Capt. Buehler!
Smith. (Lauter.) Ten votes for Judge Thompson!
Knödel. (Zu Balzer.) Der Judge und seine Leute strengen sich höllisch
an!
Balzer. ’s ist eigentlich dummes Zeug für diese Geschichte da
unser gutes Geld auszugeben, der silberne Eispitcher ist ein großer Humbug.
Knödel. Thut nichts! Es ist für einen guten Zweck
und das Geld auch so nicht ’nausgeworfen, you know? (stößt Balzer mit einem
deutlichen Augenzwinkern in die Rippen).
Balzer. Versteh! Fat offices, he?! (Stockend) Well, das wäre
schon alles gut, aber — weißt Du, — ich hab’ kein Geld mehr. — Lend me a dollar!
Knödel. Habe mich ewe blank gestimmt (zieht zwei leere Taschen
aus den Hosen.) Fünf Dollars habe ich mitgebracht, die sind futsch. Geh zum Captain; der
hat für den guten Zweck noch immer was übrig. (Tritt beiseite.)
(Balzer geht auf Buehler zu, welcher indessen Pete losgeworden ist. Er
zieht mit Ostentation seine Börse und reicht Balzer einen $5.00 Schein, welchen
dieser zum Stimmkasten trägt und dort ausgibt. Während dieses Vorganges sind
Thompson’s Freunde aufgetreten. Nun laute Stimmenabgabe für beide
Kandidaten.)
Dutch Pete. Da komme se! Die gucke mer net aus,
als ob sie viel Schputs hätte!
Knödel. Den Crooke, den kenn’ ich. Gegen zehn Uhr
kauf’ ich mir den Kerl!
Balzer. Der kneipt gern Eins im Stille.
Knödel. You bet. Und kann nichts vertragen.
Lutz. That’s the ticket!
5. Scene.
Vorige. Thompson und Freunde. (Thompson und Buehler
begegnen sich.)
————————
Thompson. (Offen.) Freut mich Sie zu treffen, Mr. Buehler.
Buehler. (Etwas verlegen.) Freut mich ebenfalls. (Räuspert sich.)
Thompson. Was macht Mrs. Buehler und Familie?
Buehler. Sehr wohl, danke. — Feines Wetter heute.
Thompson. Sehr fein — etwas kalt meine ich —
Mrs. Mayer. (Tritt aus dem Bureau heraus und reicht erst
Thompson, dann Buehler die Hand; zu Thompson.) Ich heiße Sie im Namen des
Schulvereins herzlich willkommen. Wollen die Herren sich nicht bei uns
umblicken? Da ist zuvörderst dieses Service aus schwerem getriebenem Silber (führt die Herren vor die
Gegenstände), um dessen Besitz, Sie, meine Herren, heute rivalisiren sollen —
Thompson. (Nachdem er die Sachen angesehen.) Sehr schön! Fein
gearbeitet.
Mrs. Mayer. O dies ist echte Waare!
Thompson. (Leichthin.) Gewiß, ich bin überzeugt!
Mrs. Mayer. (Mit herabgedrückter Stimme.) Kostet dem Verein über 250
Dollars!
(Thompson blickt Mrs. Mayer ungläubig an, während jetzt Buehler die Sachen
oberflächlich mustert.)
Buehler. (Verbindlich zu Mrs. Mayer.) Sehr kostbar! Dies Service muß
ich habe! Mir fehlt grad so a Set zu mei’m Hausstand.
Lutz. Zwei Stimmen für Mr. Buehler.
Thompson. (Lächelnd zu Buehler.) Nun wir werden ja sehen! Denke
meine Freunde werden es Ihnen nicht allzu leicht machen!
Jones. Ten votes for Judge Thompson!
Thompson. Sehen Sie, Herr Buehler!
Mrs. Mayor. (Gleißnerisch.) Wie leid es mir thut, daß nicht
beide Herren die glücklichen Gewinner sein können!
Buehler. (Mit bedeutsamer Miene.) 0 ich bin polite genug
dem Judge den Pitcher gewinne zu lasse. — Am End von der election und
dem excitement wird ihm e frisch Glas Eiswasser sehr gut sein.
Knödel. Pete, seh doch jetzt dem Judge sein
verdutzt Gesicht!
Dutch Pete. Net wahr! Ich hab’s Euch ja immer
gesagt! Im Debattiren kann den Captain keiner biete! Noch net emal der Schurz!
(Die Anderen lachen.)
Thompson. (Schlau lächelnd.) Ich nehme die guten Wünsche
meines Freundes Buehler dankbar an. Er braucht den ice-pitcher nicht.
Am Salt-Lake soll es ohnehin schon so kalt sein, daß er weiterer
Abkühlungsmittel nicht bedarf.
Smith. How is that for high!
Jones. Bully for the Judge!
(Freunde beider Kandidaten, welche dieselben umstehen, lachen; am lautesten
die Freunde Thompsons. Buehler unterdrückt merklich den Verdruß über Thompsons
Ausfall.)
Buehler. (Reicht Thompson die Hand.) Guter Witz! Wir werde aber schon
sehe. (Lauernd.) Wolle Sie jetzt nicht Eins mittrinke, Judge? — ’s kann nit
schade, wenn man auch vor der Wahl so a Kleins zum Abkühle nimmt.
Thompson. (Etwas verlegen.) Danke Ihnen, ich trinke nie!
Indessen, was die Sache sonst betrifft (zur Gesellschaft im Allgemeinen), meine Herren, trinken
Sie fröhlich drauf zu und, wenn Sie wollen, auch auf meine Gesundheit! (Geht zu Harold.)
Buehler. Come boys! Wir wolle Eins petze!
(Harold ist aufgetreten. Die Männer, Freunde beider Kandidaten gehen mit
Buehler nach dem Schanktisch.)
Buehler. (Im Abgehen, hocherfreut zu den Andern.) Habt Ihr’s gesehe? — Er
ist e verkappter Temperenzler, was ich immer gesagt hab! (im Rednerton) Meine Herren hütet Eure
persönliche Freiheit und hinter der Scene) “give us the beer.”
(Faßanschlagen und Gläserklappern.)
6. Scene.
Thompson, Harold. (Harold ist zu Thompson
getreten.)
________
Thompson. (Halblaut zu Harold.) Höre, Harold, ich will nicht,
daß Du viel Geld für den Britannia-Pitcher hier ausgibst. Das ganze Zeug ist
nicht 25 Dollars werth.
Harold. Well, auch ich dachte nicht viel
aufzuwenden, da ich ganz Deiner Ansicht bin, indessen drängt es mich aus
Gründen privater Natur mich hier zu zeigen und —
Thompson. Und gesehen zu werden, nicht
wahr?
Harold. Vater, Du weißt?
Thompson. Gewiß weiß ich, daß Miß Buehler Dich ein
wenig im Netz hat. Nun, ich kann das schon begreifen. Sie ist eine angenehme
kleine Person, indessen der Captain ist ein ungeschliffener Bär und ich glaube
er sollte geschlagen werden.
Harold. Dann hast Du nichts gegen meine Werbung um
Rosie einzuwenden?
Thompson. Nein, nicht das Geringste. Ich erfahre,
der Privatcharakter der Buehlers ist über allen Zweifel; auch sind sie
wohlhabend und, soweit ich Miß Rosie kenne, glaube ich, daß Ihr im Ganzen als
Eheleute gut fahren werdet.
Harold. Ich danke Dir, Vater! — Sage mir aber mal,
wie Stehen denn die Sachen? Ich habe die Politik in letzterer Zeit wenig
verfolgt; sind die Aussichten gut?
Thompson. (Lächelnd.) Wessen Aussichten?
Harold. (Ebenfalls lächelnd.) Deine, natürlich.
Thompson. Nun, kann ich wissen, ob Du nicht
Buehlers Erfolg vorziehst?
Harold. Nein, gewiß nicht; obgleich ich befürchte,
wenn er geschlagen wird, wird er nie seine Einwilligung zu meiner Verbindung
mit Rosie geben.
Thompson. (Harold die Hand gebend.) Never mind, mache Dir
hierüber vor der Hand keine Sorgen. Ich hoffe, alles wird noch gut gehen. (Lächelnd.) Wie ich in der Politik,
so mußt Du eben in der Liebe Deine Chancen hinnehmen, wie sie fallen.
(Beide ab.)
7. Scene
Buehler, dann Postbotin und Rosa
________
Buehler. (Kommt aus dem Hintergrunde mit etwas geröthetem
Gesicht.)
Brrr! Election-Bier! Das Zeug hab’ ich jetzt aber bald dick! Der Mensch macht
sich rein zum Gummischlauch. Und doch, — was soll mer mache? Als Volkscandidat
muß mer mit dem Volk in seiner Weis’ verkehre!
Mädchen. (Als Postbotin costümirt, tritt ihm entgegen.) Mr. Buehler, ich hab ’n
letter vor Ihne.
Buehler. (Buehler wirft seine Cigarre, die er eben
angebrannt, quer über die Bühne und will mit einer galanten Verbeugung den
Brief ergreifen. Das Mädchen zieht denselben zurück. Indessen tritt Rosa
auf.)
Buehler. (Zur Botin.) Na, soll ich denn net?
Mädchen. Hold on, please! Der Brief ist
werth zwei Schilling, Captain (lächelnd die Hand hinstreckend) “C. O. D.”
Buehler. Golly, das ist ’ne theure Post!
Und cash muß mer auch noch bezahle? (Greift in die Tasche.) Ja, sind denn kei
Schtämps drauf? (Gibt ihr das Geld.) Wahrhaftig, no! (Die Botin galant unter dem Kinn
krauend.) Na
warte Sie nur, bye and bye, wenn die Reformpartei dran kommt, wird die
alte Postwirthschaft ausgecleaned, da werde dann nur noch so frische junge ladies,
wie Sie sind, als letter-carriers angestellt.
Mädchen. 0 that would be so nice!
Rosa. (Bei Seite.) Sieh, sieh, wie liebenswürdig!
Buehler. Und bei jeder “special delivery”
werd’ ich dafür sorge, daß ihr Mädcher auch ein Kuß kriegt als Botelohn. Soll
ich vielleicht den Anfang mache? (macht Miene die Botin zu küssen.)
Mädchen. (Läuft kichernd ab.)
Buehler. (Will selbstzufrieden lächelnd nach hinten, als er
Rosa ansichtig wird.) Hallo, Rosie!
Rosa. Guten Abend, Papa! Wie liebenswürdig Du
gegen das junge Mädchen warst! Habe Dich eigentlich noch nie so gesehen!
(Während folgender Scene bitten die Comite-Damen die Herren Balzer und
Smith, als Repräsentanten beider Parteien, in die Office zum Zwecke des
Stimmenzählens. Beide Herren setzen sich an den Tisch, den Stimmkasten zwischen
sich, und zählen die Stimmen. Einer oder der andere, der noch stimmen will,
wird abgewiesen. Von Zeit zu Zeit kommen einige an den Schalter und erkundigen
sich.)
Buehler. Na weißt Du, Rosie, ich bin nun einmal in
der Geschichte drin und da muß mer mitmache, wie’s die Andern thun! (Nach der Richtung, in
der die Postbotin abgegangen, deutend) Der ihr Vater, weißt Du, hat die 18. Ward in
seiner Tasch und kann viel gege mich thun, wenn er will. Die wird die ganze
Geschichte fein zu Haus erzähle und das zieht bei dem Alte! Doch laß mich jetzt
endlich gucke, was in dem Brief drein steht — ’s wird wieder so e dumm Gedicht
sein:
“Roses red and violets blue,
Sugar is sweet and so are you.”
(Hat den Brief geöffnet, sein Blick verfinstert sich;
erzürnt zu Rosa:) Rosa, Rosa!
Rosa. Was ist’s Papa? — Sie haben Dir wohl wieder
eins versetzt? So hinterrücks — nicht wahr? Diese elenden Politiker!
Buehler. Ach was — guck mich e mal an! (Er sieht ihr fest in die
Augen, dann halblaut) No, aus dene Auge gucke kein so yankee notions raus! — Die
wenigstens sind noch gut deutsch!
Rosa. Papa, was hast Du? Was steht in dem Brief?
Laß mich ihn lesen.
Buehler. (Gibt ihr den Brief.) Da!
Rosa. (Liest.) “Honorable Godfrey Buehler! Dear Sir! — Gucke se
scharf aus auf die Rosie und auf dem Judge Thompson sein Sohn. Die zwei haben
sich heimlich engaged und denke noch heut Nacht zu elope! Ein
Freind!”
Rosa. (Lacht laut auf.)
Buehler. Na, thu nur net so! Ich weiß schon
längst, daß er Dir was vorschwärmt. Und verfängt er sich wirklich, dann ist er
auch sicher net zu gut dazu Dir was vom Durchbrenne vorzufasele.
Rosa. Du thust Harold sehr unrecht, Vater!
Buehler. Gar net, gar net! Aber ich glaub, ’s ist
besser, wenn die Deutsche bei de Deutsche bleibe und die Yankees bei de
Yankees. Die blaublütige Kerle bilde sich doch ein, der amerikanische Herrgott
hätt’ sie bei Plymouth Rock Anna 1600 und tuback aus eme extra Teig geschaffe.
Dabei sind sie aber doch, grad wie mir Deutsche, mit allem Gute und Schlechte
was an ihne war, eingewandert und sind reich und unverschämt geworde, grad wie
mir auch.
Rosa. Harold hat aber alle Achtung vor den
Deutschen, Du weißt, er hat in Deutschland studirt, seine Erziehung
vervollständigt und hat gelernt, das Gute was an uns ist, wohl zu schätzen.
Buehler. Ja, schätze!
Rosa. Uebrigens, weißt Du, daß er Partner vom
Onkel geworden ist? Die Firma heißt jetzt: “Dorn & Thompson”!
Buehler. (Etwas überrascht.) So? — Na, meinetwege, mir kann’s
recht sein. Des sind zwei, die so recht zusamme passe — die sollte sich Beide
vergolde lasse, damit se net verroste. Und Dein Onkel sollt sich in e
vergitterte Office setze, daß ihm ja net die gemeine Welt, b’sonders die
Politiker, so Einer wie Dein Vater zum Beispiel, zu nahe kommt und die reine
Händ beschmutzt.
Rosa. Wenn Du auf des Onkels politische Gesinnung
anspielst, thust Du ihm Unrecht. Ich höre nur das höchste Lob über ihn
aussprechen und sein Urtheil gilt viel in maßgebenden Kreisen.
Buehler. Maßgebende Kreise? Wer sind die? He?
Vielleicht die Idealiste wie Dein Onkel? Oder sind sie’s Volk, aus dem ich
aufgewachse bin?
Rosa. Aber Ideale sollte doch der Mensch haben.
Buehler. Freilich soll er, aber net in der
Politik, am allerwenigste in der amerikanische. Die ist praktisch und matter
of fact! Mit dene ideale Faxe kommt Einer überhaupt net weit in Amerika. Da
ist Dein Onkel der beste Beweis dafor. Als gewesener Student und Luftibus ist
er mit einem ganze Bündel “Ideale” nach Amerika ausgewandert. Er konnt alle
Sprache der alte und moderne Welt spreche, nur net Englisch und als bald darauf
der letzte Cent ausgegebe war, ist er halt in Krieg gege de Süde mitgegange, wo
se ihm de Arm kaput geschosse hawe.
Rosa. (Begeistert.) Er hat sich heldenmäßig geschlagen.
Buehler. Gewiß, des hat er, alle Respekt davor.
Rosa. Und hat die Pension, die ihm sein dankbares
Adoptivvaterland entrichtet, gut und nutzbringend angewandt.
Buehler. Nutzbringend — gewiß! Für ihn allemal! Er
ist ja Advokat geworde — (geringschätzend) a lawyer — Du weißt, ich hab’ den Onkel
recht gern, wenn er auch gegenwärtig net schön an mir handelt. Aber er is a
lawyer! Für die Sort’ hab’ ich nix übrig. Ich hab’ sie ausgefunde. Wenn ich
noch emal was mit so einem Kerl zu thun hab’ und wenn mei Klag noch so sicher
ist, und wenn sie sich um 5000 Dollars handelt, die ich gewinnen muß, so
frag’ ich ’n erst, was die Fees sind, und wenn er sagt: 100 Dollars, sag
ich zu ihm: Gebe Sie mir Ihre Fees und nehme Sie all das andere! — Da
komm ich immer noch besser weg als umgekehrt! Aber wir wolle lieber jetzt
abbreche. So viel ist sicher, der Harold muß viel Gutes thun, eh’ er mir
gefällt, — und daß er Dich — mei Rosie — (sich zu ihr wendend) mei Herzblatt, habe sollt, das
will mir nit in Kopf. Sieh, viel besser ist’s, Du machst Dich bei Zeiten von
ihm los. — Ich glaub nu emal net an ihn. — Möchtest Du net vielleicht en
Andern? Guck’, mir werde jetzt prominent — und alle Thüre stehe Dir
offen! Da sind z. B. die Hallers und die Lorings Bube — alles feine flotte
Kerls, mit viel Cash und in gute Verhältnisse.
Rosa. Du wirst Harold noch kennen und schätzen
lernen. Ueberlassen wir die Angelegenheit der Zukunft. Doch da kommen Deine
Freunde. Es ist gut, daß ich gehe. Gute Nacht, Papa!
(Die Unterhaltung ist schon früher durch Geräusch, welches immer lauter
wird und in Hurrah und Hochrufe ausbricht, unterbrochen worden. Buehler hat das
Service gewonnen. Seine Freunde treten auf ihn zu, klopfen ihm auf die Schulter
und schütteln ihm die Hände, einige werfen ihre Hüte in die Höhe u. s. w.
Während dem entfernt sich Rosa.)
8. Scene
Buehler, Balzer, Lutz, Pete, Präsidentin, Damen-Comite,
Knödel, Smith, Jones, Crooke, Cook, Sekretärin,
Damen vom Comite. Alle Herren und Damen.
________
Balzer. Hurrah für Captain Buehler!
Lutz. Three cheers for our new Mayor!
Pete. (Auf Buehler zutretend.) By Golly, we beat him!
Alle. Hurrah! Hurrah!
(Die Fran Präsidentin und das Damen-Comite treten aus dem Bureau heraus und
gehen auf Buehler zu.)
Mrs. Mayer. Auch ich, Herr Buehler, erlaube mir im
Namen dieser Damen (auf ihre Begleiterinnen deutend) Ihnen zu Ihrem Erfolge zu gratuliren und hoffe
nur, daß dieser, in seiner Art kleine Sieg, nur der Vorläufer des größeren sein
wird, den wir am morgigen Tage für Sie erwarten!
Frau Sekretärin. (Zu einem Mitglied des Comite,
beiseite.)
Ganz dieselben Phrasen hatte sie sich für Judge Thompson auf Englisch
einstudirt.
Dame vom Comite. Bei 300 Dollars Reingewinn
kommt’s auf einige kleine Höflichkeitslügen doch nicht an.
Buehler. (Gravitätisch.) My dear ladies! Ich weiß
nicht, wie ich Ihne vor die große Ehre, die Sie mir anthue, danke soll. Erwarte
Sie in diesem feierliche Augenblick kein speech von mir, mei Herz ist zu
voll (wischt
sich das Auge aus), ich kann Ihne blos die Händ schäke und sage, daß ich, wenn ich erwählt
sollt werde, Alles thun will, um die Interesse der nationale deutschamerikanische
Landesuniversität zu vertrete.
Mrs. Mayer. Ich danke Ihnen, Herr Buehler. Das
Damen-Comite wird sich morgen das Vergnügen machen, Ihnen die Preisgegenstände
in Ihrer Wohnung zu überreichen.
Buehler. (Mit winkender Handgeberde.) Danke, danke! Much obliged,
meine Damen!
Pete. (Zu Mrs. Mayer. Dutch Pete soll die Verlegenheitsworte
“ewwe,” und “ewwedo,” diskret in seine Rede einflicken.) Mrs. Präsidentin, ich möcht’, im
Name von meinem Freund Captain Buehler frage, ob er net darf für seine Freund
hier im Saluhn — wollt sage: Saal — Saal — a Keg Bier anschlage lasse.
Mrs. Mayer. (Sieht nach ihrer Uhr.) Wie Sie wünschen, meine Herren,
es ist jetzt zehn Uhr, die Fair ist geschlossen und somit steht der Saal ganz
zu Ihrer Verfügung. Gute Nacht, meine Herren!
Alle. Guten Abend, meine Damen!
(Die Damen ab.)
(Dutch Pete besorgt nun das Arrangement der Klapptische, Bänke und Stühle
quer vor dem Bureau. Ein Barkeeper, mit möglichst dummem Gesicht, Fettlocke bis
auf die Nasenwurzel, über die Stirn geklebt, hemdärmelig, bringt ein Fäßchen
Bier, stellt es auf den Tisch. Pete schlägt das Fäßchen gravitätisch und mit
dem Bewußtsein dieses Geschäft zu verstehen, an und beaufsichtigt den
Barkeeper im Füllen und Vertheilen von Gläsern und Sandwiches.)
Knödel. Donnerwetter, das hat aber Trubel
gekostet!
Balzer. Weniger Trubel als Geld!
Dutch Pete. (Großspurig.) Never you mind, Balzer!
Dein Geld war’s net und das Uebrige is none of your business!
(Knödel lacht. Balzer macht ein dummes Gesicht.)
9. Scene
Vorige (ohne Damen), Reporter.
________
Lutz. Captain hier ist der Reporter vom
“Volkswächter.” Er will Ihne interviewen! Mr. — a — I — forget your name?
— (Auf
Buehler deutend) Captain Buehler!
Buehler. (Lebhaft des Reporters Hand ergreifend.)
O wir kenne uns schon lang, Mr. — na — na? Na, Sie wissen ja wie Sie heiße! Sie
wolle wohl berichte? — He? Großartiger Erfolg für die Reformpartei! Buehler hat
gesiegt mit 200 Majority. — Schreibe Sie nur Alles auf.
Reporter. (Schreibt, indem er öfters nach dem Tisch mit
Gläsern und Sandwiches schielt und im Lauf des Folgenden sich immer mehr in die
Nähe des Tisches rückt.)
Buehler. (Im Tone des Diktirens.) Trotz der riesigen Anstrengungen
der Freunde Judge Thompsons konnte der endliche Triumph — konnte der endliche Triumph
— habe Sie das? — der guten Sache der Reformpartei, wie sie sich in Capt’n
Buehler — e — e — embodied —
Reporter. “Verkörpert” —
Buehler. Meinetwege — verkörpert — konnte der
Erfolg doch net gestoppt —
Reporter. “Aufgehalten” —
Buehler. (Etwas ungehalten.) Na ja, aufgehalte werde und der
Preis des Abends mußte ihm von selber —
—
Reporter. (Mit leisem ironischen Lächeln.) “Selbstverständlich.”
Buehler. (Stutzt ein wenig.) Wie meinen Sie das? Ich hoff’
net, daß Sie stichle wolle.
Reporter. (Noch ironisch.) Wie sollt’ ich auch! — Ich meine
nur der Preis des Abends mußte Ihnen selbstverständlich zufallen.
Buehler. Ach so — Na, hab’ ich denn das net
gesagt? — (Im
Dirktirton)
Also von selber zufallen. Es ist dies ein gutes Zeichen, daß das Resultat
morgen am Poll gerade so ausfallen wird u. s. w. (Im Gesprächston) Nun, Sie wisse ja, wie
man das so macht.
Reporter. (Im abwesenden Ton, da er sich jetzt in der Nähe
der Gläser befindet.) Gewiß, gewiß!
Buehler. (Sieht endlich die Bewegung, kommt dem Reporter
zuvor, reicht ihm das Glas. Dieser steckt hurtig Bleistift und Papiere ein und
ergreift statt dessen einen Sandwich. Buehler stößt mit ihm an.)
Reporter. (Nachdem er getrunken und während er ißt.) Wir werden das schon
machen. Sie wissen ja, der “Volkswächter” unterstützt Sie in Allem!
Pete. Na, wie is es, Capt’n, mit ’ner kleine speech?
Buehler. (Gekitzelt.) Ach laß
Pete, ich bin gar net vorbereitet.
Pete. Net prepared? Never mind, Du
bist der beste Schtump-Schpieker inseit 30 Meilen von hier. Ladies and
— Wollt‘ sagen: Gentlemen! Ich move, daß wir uns jetzt setze und
eins trinke mit unserm nächste Mayor Capt’n Godfrey Buehler!
(Die Gesellschaft ruft: “Hurrah! You bet!” u. s. w. Alle setzen
sich, Buehler an die Seite Pete’s in die Mitte hinter den Tisch und vor dem
Bureau. Alles trinkt und ißt.)
Pete. (Ergreift den Bierhammer und schlägt auf den Tisch,
während er mit Rednergeberde und Amtsmiene aufsteht. — Pause mit Unruhe. — Er
muß zwei bis drei Mal klopfen bevor Stille eintritt.) Gentlemen!
Mir habe heut Abend unter uns einen Mann, den ihr Alle kenne thut! — Ich brauch
sein Name net zu sage, weil ihr auch mit ihm acquainted seid. Er is ’n
Mann, der aus dem gemeine Volk aufgeraist worde is und wenn er auch alleweil
well to do is, sei Abkunft doch net vergesse hat und mit einige Mann Händs
schäkt und der nie auf seine alte Freunde zurückgeht, wenn sie da eins mit ihm
trinke wolle! In alle nationale Frage is er gepostet und es lebt Keiner in
Porcupine City, der ihn da drin biete kann! (Zu Buehler) Capt’n Godfrey Buehler, please
address the meeting.
Buehler. (Trinkt sein Glas leer und steht auf. Hurrah-Rufe,
dann Pause.) Bürger und Freunde! . . . .
Jones, Smith und Andere. (Rufen.) Englisch, englisch!
Balzer, Lutz und Andere. (Rufen.) No deutsch, deutsch!
Buehler. (Macht Pause, dann:) Meine Herren, es ist mir ganz
Worscht, ob ich Deutsch oder Englisch zu Ihne rede soll. Mr. Präsident lasse
Sie, if you please, die Miethung über die Frage abstimme.
Smith. Endlich! (Zu Jones) Das gibt einen Hauptspaß!
Jones. (Zu Smith.) Sein Englisch ist schauderhaft — (laut) Englisch!
Balzer. (Der es gehört.) Was der Capt’n kann kein
Englisch? Das wer’n Se gleich sehe. Englisch!
Andere. Deutsch!
Balzer. Knö24del. No, jetzt grad englisch,
um dene die Mäuler zu stoppe!
Pete. Gentlemen — unser Candidat spricht Englisch
und Deutsch — Eins mindestens ebe so gut wie das annere, und Ihr habt ewedo zu decide
in welcher Sprach er rede soll. Alle die in favor of English sein, sage
“Aye“ die dagege “No.”
(Während der Rede Pete’s agitiren Balzer und Knödel unter Hinweis auf Jones
Rede für “Englisch.” Einige stimmen “No” — die Meisten “Aye.”)
Pete. Die Ayes habe’s. (Zu Buehler.) De Meeting wants you
to shpeak English.
Buehler. (Trinkt ein neugefülltes Glas aus und steht auf.
Seine Rede wird vielfach durch Applaus unterbrochen.)
Fellow Citizens and Friends! (Bravo! Ruhig!) Most of
you here I knew since you was babies! I grew up among you, and while you
learned your A B C, I studied the great principles of our free government! And
while you grew up to be men and intelligent voters, I have come to master the
secrets of true statesmanship and stand here ready to be the chosen
representative of your wishes in the municipal chair of Porcupine City. (Applaus.)
Our principles are clear! They are the principles of
the great Reform Party, and I make them my own. Our platform is the
grandest ever constructed! We strive to build up a great and solid nation, and
yet, at the same time, we wish to preserve carefully the rights of each and
every state, county and ward.
We are for Tariff Reform and Protection
of home industry. The government must have its necessary income and we must
secure high wages for the workingmen in the East and high prices for the grain
of our farmers in the West. (Hurray!)
We are also decidedly for Civil service reform.
But what is Civil service reform? It is that every man, who is fitted to fill
his position in the public service, should be allowed to hold it, — while he is
efficient!
But what did the Opposition Party do, when they
came into power? They turned out of office every friend of reform and filled
the fat places with incapable men of their own party!
(Während dieser Rede wird immer fleißig eingeschenkt. Buehler trinkt ab und
zu in den Pausen, er fängt schon an zu schwanken und es steigert sich sein
Zustand im Verlauf der Rede zum Rausch.)
What then, gentlemen, is our clear duty, when elected?
We must put back — the good men, — that were ousted, and in that way
show, by our own acts, that — we uphold the banner of true Civil service
reform.
And now I come to the most vital — question of the
present day ! — the Temperance question. (Hurrah!) We all know that
drunkenness is an evil! — But the Anglo-Americans must be taught. to drink — as
well as we can! They should not be allowed to stop — us by legislation!
The right of every human being — to drink — shall be denied by nobody! — And by
that right — we will stand — and fight and if it takes — all summer! —
(Rauschenender Beifall, händeklatschen, Gelächter, Bravos und Hurrahs. Der
Vorhang fällt langsam, so daß er die Rede mit dem letzten Wort abschneidet.)
Zweiter Akt.
————————
1. Scene.
Zimmer in Buehlers Hause. Reiche, aber behagliche Ausstattung.
________
Dörthe (allein). (Schwingt den Flederwisch und
staubt ab. Sie ist aufgeputzt und sieht schnippisch aus, ist aber nicht
unschön.)
Gott, was ist das heut vor ein excitement in dies
Haus! Kein Augenblick nich Ruhe! (Wirft sich auf das Sopha.) Das up stairs und down
stairs laufen! Und Miß Rosie thut mich onfahren, als ob ich heute nich
meine Arbeit dhun thäte wie alle Dage! (Gähnt und reckt sich.) Na, bei die bin ich nich so,
obgleich man sich in dissen Land doch Nichts nicht jef allen zu lassen braucht
und mich die Miß Maier in der Dritten Straße schon oft einen halben Dahler mehr
die Woche versprochen hat, wenn ich zu sie kommen wollte! — Aber die alte
Buehlern das is so ’ne Rechte! — Die is en Satan! Der Alte is zwar auch ein
Brummbär. Aber er is doch ganz anders als wenn die Olle mir anranzt, und dann
gibt er mich doch rückwärts mal ’nen Quarter oder ’nen halben Dahler. —
Vielleicht liebt er mir und die Olle will’s nicht zugeben? — Ist schon möglich!
Die Männer von einigem Land lieben mir. (Betrachtet sich kokett im Spiegel.) Besonders der Barney
McGinnis, mein Freund, der Hostler von Livingstones nebenan! Ich habe aber auch
— eine preference vor die green Erin boys. Die sein lustig und
spaßig und nehmen ihre Mädels aus zu Dances und Pic-Nics! — Wie
tappich dagegen is doch der Krischan, unser Kutscher! — Schrecklich! Der liebt
mir blos! Was hab ich da davon? Heirathen? Das kann ich alle Dage! Das ist
nichts vor mir! — Fun will ich haben. Doch dabei fällt mich bei, daß
mich mein Barney heute Abend will in’s Dime Museum nehmen und da soll ich ihm
ein paar Cigarren mitbringen. Wo hat sie denn der Alte stehen? (Sucht Buehlers
Cigarrenkästchen.) Oh, da sein sie! (Nimmt eine Handvoll und steckt sie in die Tasche.) Merken thut er’s heute doch
nich. Der is in eine Aufregung von wegen die Wahl und in die letzte Zeit sein
hier Cigarren bei die Dausende aus und eingegangen.
2. Scene.
Dörthe, Christian.
________
Christian. (An der Thüre.) Guten Abend, Dorothee!
Dörthe. Miss Dorothy heiß’ ich vor Ihnen!
Christian. (Freundlich.) Na ja, recht gern! Miss
Dorothy, wo ischt denn der Herr? I such en schon d’ ganz Zeit.
Dörthe. Wie geht denn die Leckschon bis jetzt? Wer
is ahead?
Christian. (Verständnißlos.) Was saget Se?
Dörthe. Döskopp! Wie’s mit die Wahl geht?!
Christian. Ja, dös woiß i net. I han gar nix
verstande. Des verfluacht Englisch will mer gar net in de Schädel!
Dörthe. Ja, ja, Sie sein schrecklich grün! Da is
der Barney nebenan ein anderer Kerl, der is nur drei Dage länger in dies Land
und is auf die ganze PoIitik gepostet. Vorhin noch sagte er mich, Judge
Thompson sei sicher elected.
Christian. Natürlich schwätzt der so, weil er’s au
grad so han will! Die verdammte eirische Koge sind immer gege die Deutsche, so
viel han i schon raus, wenn i au grün bin. Und besonders der Kerle da nebendra
—
Dörthe. Christian, nehmen Sie sich Ihnen in Acht!
Christian. (Aufgebracht.) Ach was, in Acht nehme! Wenn mir
emal der Kerl über de Weg lauft, so schlag i em sei Himmelfahrtsnas’ aus sei’m
Schnapsgsicht raus, daß er — —
Dörthe. (Halb gebietend, halb ängstlich.) Das werden Sie nich dhun
— —
Christian. Net? — Ha! — Aber g’wiß thu i’s!
Dörthe. (Plötzlich liebenswürdig werdend und ihn dutzend.)
Ach,
Krischan, wer wird denn gleich so excited werden? Du bist mistaken
über den Barney. Krischan, mich zu lieb — thu ihm nix — er thut Dich auch nix!
(Sie tritt auf ihn zu und streichelt seine Wange.)
Nich hauen, Krischan!
Christian. Noi, noi, — (für sich) vor der Hand net!
3. Scene.
Vorige. Buehler (schnell eintretend).
________
(Dörthe und Christian fahren auseinander.)
Buehler. (Aufgeregt, erst Dörthe, dann Christian forschend
ansehend.)
Wo sind die Nachmittagszeitunge? Noch keine da? (Sich über den Kopf fahrend, für
sich.) Herr
Gott, was brummt mir mein Kopf.
Dörthe. Ja, Mr. Buehler, ich glaub sie sein in die
Küche. Ich hole sie. (Ab.)
Buehler. Herr Gott, was brummt mir mein Schädel.
Na, Christian, was gibt’s? Hast Du alles besorgt? (Legt seinen Hut auf den
Fenstertisch.)
Christian. Ja wohl, Mischter Buehler, Älles! I hab
de Mischter Tschäckson, Mischter Fläherti, die beide Mischter Kleinschmied und
wie die andere Älle heißet nach em Pohl gefahre und sie habet jeber g’schtimmt.
Dörthe. (Kommt mit den Zeitungen zurück.)
Buehler. (Läuft auf sie zu.) Geb her den Wisch! (Blickt Dörthe stumm an,
dreht sich ab und blickt wieder hin. Dann für sich, indem er ihr ein Geldstück
seitwärts hinreicht.) Das ist ein impertinentes Frauenzimmer. (Dörthe und Christian, verliebt
thuend, ab.)
4. Scene.
Buehler (allein, Dörthe nachsehend.)
________
Je sauberer die Visasch, desto unverschämter die Zung.
Aber, o Gott, mein Kopf, mein Kopf! Ich bin nur neugierig, was der
“Volkswächter” über mich zu sage hat. E’ speech hab’ ich gehalte, das weiß ich.
— Es schreit noch immer “Hurrah” in meinem Gehirn und mei Auge sehn immer noch
dem Pete sei roth Nas’ und sein Bierhammer, sonst ist alles Nacht und Nebel. (Er hat die Zeitung hin
und her geblättert.) Aha, da steht’s mit große headings. (Liest.) “Großer Erfolg! 500 Dollars
Einnahme! Die Existenz der Deutschamerikanischen Landesuniversität gesichert
auf alle Zeit!” — Hm, hm! (Liest) “Gottfried Buehler, unser Kandidat für das Mayorsamt
siegt im Popularitätskampfe mit Judge Thompson! — Letzterer entpuppt sich
endlich als Vollblut-Temperenzler!” — Ja, dem hab’ ich sein Wassersimpel-Orden
mit dem blaue Band endlich angehängt! — Aber weiter (liest): “In den eleganten Räumen”
— — (überspringend) “Erfolgreiche Fair” —
“zum Abschluß gebracht” — “viel Prominente waren zugegen” — Na ja! — “Herr
Maier, Frau Maier, Herr Pfannenschmidt, die Fräulein Birnstiel” u. s. w. Man
kennt sie ja, — ’s sind immer dieselbe! — “Schöne Kostüme” — “reizend
ausgesehen” — “reiche und zweckmäßige Gewinne” — “Frau Häppchen gewann ein
Bicycle neuester Konstruktion.” “Dr. Mischler eine Wurstmaschie und das
berühmte Crazy Quilt, bestehend aus 5700 kleinen Fleckchen Zeug und an dem 17
Hände 7 Wochen gearbeitet hatten, gewann unser wohlbekannter radikaler
Agitator Sturmvogel, u. s. w. Man munkelt auch von stattgehabter Verlobung —
Herr Streber, Insurance Agent, mit Fräulein Kalliope Kraxel, Tochter des
reichen Soapfat-Fabrikanten Bonifaz Kraxel” — Aber das Alles interessirt doch
mich nicht!? — “Die liebenswürdige Frau Präsidentin” — Natürlich! — “Die
Hauptanziehungskraft indessen, des Abends” — aha, jetzt kommt’s! “Die
Hauptanziehungskraft des Abends aber war der freundschaftliche Wetteifer
zwischen den Verehrern der beiden Mayorscandidaten Captain Buehler und Judge
Thompson um das öfter im ‘Volkswächter’ beregte silberne Eiswasserservice. Der
Kampf war höchst lebhaft, obgleich von vornherein zu erkennen war, wer der
glückliche Gewinner sein würde. Es ergab sich denn auch eine Majorität von 356
Stimmen für Captain Buehler, welches Resultat mit frenetischem Beifall aufgenommen
wurde. Die beiden Candidaten waren anwesend und begrüßten die Freunde.
Besonders zeigte sich wieder Herr Buehler als der coulante, liebenswürdige Herr
der er ist, indem er Freunde und Bekannte auf das feinste regalirte und seinen
guten Takt damit bekundete, seinen Gegner Judge Thompson ebenfalls einzuladen.
Dieser bekannte jedoch sofort Farbe und schlug die Einladung aus. Hierdurch ist
es nun endlich klar zu Tage getreten, was der ‘Volkswächter’ zuerst und
wiederholt behauptet hat: Judge Thompson ist ein Temperenzler vom reinsten
Wasser.” — Das hab’ ich aber fein gemänädscht! — “Am Schlusse des Festes wurde
noch eine kleine informelle Zusammenkunft der Freunde des Herrn Buehler beschlossen,
bei welcher Gelegenheit derselbe sich in geistvoller” — (er reibt sich die Stirn) “und umfassender Weise”
— (Pause) “über die Tagesfragen
rednerisch verbreitete. Besonderes Gewicht legte der Redner auf die große und
nur zu selten betonte Wichtigkeit der persönlichen Freiheit. In anschaulicher
Weise behandelte Redner diese Frage und erntete denn auch begeisterten Beifall
seitens der Versammlung, welche sich zu später Stunde trennte.” — Ja, aber
wann, wann? Herr Gott, mein Kopf, mein Kopf! — “Heute nun findet die Wahl statt
und wieder wird es sich bei dieser Gelegenheit zeigen, ob der Deutsche sich
seiner Mission hier in diesem Lande bewußt ist und willens ist für Reform,
Fortschritt und persönliche Freiheit, wie diese Postulate in Captain Buehler
vertreten sind, zu wirken und zu stimmen, oder ob er dem Muckerthum und der
Wassersimpelei die Hand bieten wird zur schließlichen Unterdrückung aller jener
Eigenthümlichkeiten, die der Deutsche mit der Muttermilch” — Milch ist gut —
“eingesogen und die zu verpflanzen und zu verbreiten er eigentlich in’s Land
der Freiheit gekommen ist. Darum ergeht unsere Mahnung an unsere deutschen
Mitbürger: Stimmt Alle wie ein Mann für Captain Buehler als Mayor
unserer schönen Porcupine City und Ihr werdet dem deutschen Wesen, der
deutschen Kunst, dem deutschen Lied und deutscher Gemüthtichkeit einen
unvergeßlichen Dienst geleistet haben. — AIso ein für allemal: Für Mayor
Captain Godfrey Buehler!” — Ja: Hurrah für Captain Buehler! Der “Volkswächter”
ist doch ein Mordspäper!
(Steht auf. Man hört Dampfpfeifen draußen. Auf der Kaminuhr schlägt es 6
Uhr.)
Jetzt liegt da drin in dene Boxe der Wahrspruch des souveräne
Volks! Eigentlich war’s a helle Freud’ zu sehe, wie sie heut gelaufe sin mit
ihre Stimmzettelcher und dann noch dabei zu denke, daß auf ungefähr der Hälfte:
“Godfrey Buehler” gedruckt steht! — Auf der Hälft!? — Am End gar auf der
kleinere Hälft!? — Ach was, so zu denke bei dem Hurrah und der
Begeisterung, mit der ich an jedem Poll empfange worde bin! ’s is ja ganz
unmöglich! Wenn mich die Gauner net drum beschummele, bin ich der nächste Mayor
von Porcupine City, so gewiß als ich —
5. Scene.
Buehler. Dorn. Später Dörthe.
_________
Dorn. Guten Abend, Gottfried!
Buehler. (Sich umblickend, dann mürrisch.) Guten Abend! (Für sich.) Das ist schon e
schlechts Zeiche, wenn der kommt.
Dorn. Du hier, heute, zu dieser Stunde? (Sieht auf die Uhr.) Ich sollte denken, Du
wärst im Hauptquartier und lauertest auf Nachrichten.
Buehler. Soll ich zwei Stunde dahinsitze und mich
von ere Crowd naseweiser Bube mitleidig anglotze lasse?
Dorn. Allerdings, es ist noch zu früh und ich kann
mir Deine Lage vorstellen; sie ist gegenwärtig nicht die allergemüthlichste.
Buehler. (Eifrig.) Wie so?
Dorn. Du hast es ja selbst angedeutet: man weiß
noch nicht, ob man Derjenige welcher ist, oder ob es der Andere ist!
Buehler. Ach so!
Dorn. Du erlaubst wohl, daß ich mir eine Cigarre
anbrenne. (Reicht
ihm sein Etui. Buehler weist ab.) Du kannst diese
getrost riskiren, es sind keine Election-Cigarren.
Buehler. Mag jetzt net. (Für sich.) Hab’ schon mei Theil verplotze
müsse heut und hab’ noch e ganze Buschel in der Tasch. (Zeigt zwei mit Cigarren voll
gespickte Westentaschen.) Du hast natürlich Dein redlich Theil für den gewisse —
“Andern” gethan, net wahr?
Dorn. Das glaubst Du? Und doch habe ich mich
öffentlich zu dem gegenwärtigen Programm Deiner Partei bekannt.
Buehler. Na, bei euch Fenzreiter ist alles
möglich! Ihr wart’t immer ab bis die Parteie ihre Platform gemacht und ihre Candidate
ernannt habe, nachher nehmt ihr alles unter’n Vergrößerungsglas und wenn ihr
irgendwo e Staubfleckche entdeckt, setzt ihr euch wie Kinder in e Eck und
schreit: Ich thu net mit, ich thu net mit! — Ihr sagt nie, was ihr
wollt, ihr wißt nur, was ihr net wollt, — und das kaum! Drum geht ihr
auch net in die Caucusse, weil ihr dort Farb bekenne und euere opinion
angebe müßt!
Dorn. (Lacht.) Du schilderst uns “Unabhängige” ganz vortrefflich, aber
Du irrst, wenn Du sagst, ich besuche die Vorwahlen nicht, ich war ja sogar bei
derjenigen die Dich nominirte.
Buehler. Die trotz Deiner Proteste mich nominirt
hat, sollt’st Du sagen —
Dorn. Das ist nun auch nicht ganz richtig. Ich
habe im Stillen versucht, Deine Nomination aus guten Gründen zu verhindern,
aber ich habe nicht, wie Du vielleicht annimmst, laut oder auffällig dagegen
protestirt.
Buehler. (Springt auf.) Also de wirepuller hast Du gespielt!
— Steht so was auch im reine Evangelium der Mugwumps?
Dorn. Wenn Du das “wirepullen” nennst, ja!
Bei einem Anderen, den ich nicht so hochschätzte wie Dich, würde ich laut
gesprochen und auch danach gehandelt haben.
Buehler. Deiner Ansicht nach bin ich also ein
solch verwerflicher Candidat, daß nur der Umstand, daß wir verschwägert sind,
Dich abgehalte hat, mich öffentlich zu blamire? (Setzt sich wieder.)
Dorn. Da gehst Du nun zu weit, lieber Gottfried.
Im Gegentheil, ich versuchte Dich vor einer Blamage zu retten. Ich
schätze Deine Ehrbarkeit, und liebe Dich um Deiner ausgezeichneten
Eigenschaften willen, aber um einer städtischen Verwaltung vorzustehen, dazu gehören
hervorragende administrative Fähigkeiten, welche zu entwickeln Dein früheres
Geschäft Dir wenig Gelegenheit gewährt hat.
Buehler. Well?
Dorn. Der Hauptbeweggrund meiner Opposition aber
lag in der Ueberzeugung, daß Dich lediglich der Ehrgeiz und die Langeweile
treibt und nach einem Gespräch mit Marie bin ich zu dem Entschluß gekommen, ich
thue ihr und vielleicht am Ende auch Dir einen Gefallen wenn ich handelte wie
ich that, um die Familie vor einer immerhin möglichen Blamage zu behüten.
Buehler. So! Na Großdank! daß auch Du für mich
Vorsehung spiele wollt’st; bei meiner Frau nimmt mich das weniger Wunder, die
hat schon vom erste Tag unserer Verheirathung an, die Vorsehung für mich
gespielt und hat noch immer Vergnüge an dem “Job.” — Ich denk, ich weiß aber,
was Dich bei der Sach treibt. Du bist nämlich auch einer von dene
Deutsche, die lieber en Yankee oder gar en Eirische, und wär er nach so e
großer Lump, im Amt sehe als en Deutsche.
Dorn. Es ist mir nicht unlieb daß Du dem Gespräch
diese Wendung gibst und so will ich Dir denn sagen daß Du zum Theil recht
hast: ich sebe lieber einen unfähigen Eingeborenen im Amte als einen unfähigen
Deutschen. Das Deutschthum so zahlreich es ist, hat verhältnißmäßig wenige
Vertreter in der Politik die ihm Ehre machen, und weil ich stolz bin auf meine
Abstammung und jedes verächtliche Wort, das von nativistischer Seite über die
Deutschen in Amerika gesprochen wird, mir in’s Herz schneidet, geht mein Wirken
dahin, solche Landsleute, die sich nicht durch hervorragende Eigenschaften
auszeichnen, von einer Laufbahn, in der sie nur zum Gespött unserer Gegner
werden, abzuhalten.
Buehler. (Unter den vorstehenden Sätzen etwas reduzirt,
lauernd.)
Und als die richtige Fortsetzung von Deine philosophische Gedanke hast Du auch
heut natürlich mit aller Macht gege mich gearbeit’!
Dorn. Nein, lieber Gottfried. Siehst Du, in dem
Punkt nun war ich inconsequent. Im Gegentheil! Wenn Du geschlagen bist, ist es
nicht meine Schuld. Ich habe den ganzen Tag, in meiner Weise, für Dich gewirkt.
Wenn Du gewählt bist und dabei glücklich wirst, soll’s mich als Schwager nur
freuen, aber (bedeutsam) ich fürchte, Du wirst es nicht.
Buehler. He, wie, was? Was werd’ ich net? Net
gewählt?
Dorn. Nein, nicht glücklich, selbst wenn Du
gewählt würdest.
Buehler. How so?
Dorn. Ahnst Du nichts in Deiner schwarzen Seele?
Buehler. Ahnen? (Für sich.) Bei bem Kopp! (Laut.) No! Als ob Mayor
zu sein, Ein nothwendigerweis unglücklich mache müßt.
Dorn. Das nicht! Aber die Götter verfolgen mit
Neid der Sterblichen Glück! — Weißt Du denn, warum ich hier bin?
Buehler. No! Du kommst ja sonst auch
ungerufe.
Dorn. Danke! Diesmal komm ich auf Bestellung.
Buehler. Net von mir!
Dorn. Aber von Deiner Frau! (Zieht ein Zeitungsblatt aus der
Tasche.) Da
lies und erstarre!
Buehler. (Vernichtet.) Was? (Dreht die Zeitung nach allen
Seiten um.)
Wo is des her? (Liest.) “Evening Light.” A Nigger in the Fence! — The Reform
Candidate in a new light! — Is Capt. Buehler a Bigamist? — Brings
a young woman and child to this country and then sets them adrift! — Des is
net wahr! — Oder vielmehr es is wahr. — Aber wie kommt des da enein?
Dorn. Ja, liest Du denn keine Zeitungen?
Buehler. Den Wisch da von der Muckerpartei soll
ich auch noch lese? In dene Yankeepäpers les’ ich überhaupt nur die headings.
Wenn ich die gelese hab, weiß ich schon viel zu viel.
Dorn. Es scheint fast so in diesem Augenblick.
Also die Geschichte ist wahr? Dann wehe Dir, Gottfried! Deine Frau weiß
ebenfalls davon und hat mich mit Thränen gebeten, die Sache zu untersuchen.
Buehler. God allmighty, steh mir bei!
Dorn. Nun bin ich wohl gezwungen, ihr die
Unglücksmähr zu überbringen.
Buehler. (Eifrig.) Ach was, Unglücksmähr! Wahr ist alles, — nur die
Schlußfolgerung net. An dene Insinuatione, die da in dem Wisch enthalte sind,
bin ich so unschuldig wie das neugeborene Baby auf dem Schiff. (Setzt sich.) Herr Gott, Gustav, Du
kennst mich doch und meine Frau sollt mich erst recht kenne! Die Geschichte war
nämlich so: Wie ich vor 26 Jahre mit meinem Vater im Zwischendeck ’rüber
gekomme bin, war auch ein armes junges Frauenzimmer auf dem Schiff. Unterwegs
gab sie einem kleine Mädche das Lebe. Die jung Mutter war trostlos und ohne
Hilf. Natürlich hab’ ich mich ihrer angenomme — ohne Wissen von meim Vater,
der streng war und nichts von dem “schlechte Ding,” wie er sie genannt, höre
wollt. Ich aber war jung und das Weib hübsch und leidend, — genug um ’en
l9jährige Bursch zu rühre. So habe ich sie denn hinter dem Rücke von meim Vater
und mit Hilfe vom Schiffsarzt gepflegt und ihr, wie wir in New York angekomme
sind, eine anständige Unterkunft verschafft. Später als wir nach dem Westen
weiter gereist sind, hab’ ich ihr noch ein Theil meiner schmale Baarschaft
zurückgelasse, hab’ ihr Adieu gesagt und seitdem hab’ ich weder von ihr noch
von ihrem Kindche gehört. — Aber die Zeitungskerle, die habe’s ’raus. — Jetzt
habe sie mich schon als vorzeitige Vater ausgeschriee, als treulose Liebhaber
und was dergleiche Schändlichkeite mehr sind. Wenn das net bald aufhört, so
glaub’ ich’s fast selber!
Dorn. Hast Du Beweise?
Buehler. Wie soll ich Beweise habe? Das Mädche ist
verschwunde und — vielleicht sammt ihrem Kind im Elend untergegange.
Dorn. Wie ist aber die Zeitung auf diese
Begebenheit gekommen?
Buehler. Das weiß der Deifel! — Es scheint, als ob
die opposition in der Politik immer allerlei G’schichte auf Lager halte
thät, von welche sie dann je nachdem sie auf ein Candidate passe, eins auf’s
Gerathwohl loslasse — und weiß der Kukuk wie’s zugeht, Etwas paßt fast
jedes Mal.
Dorn. Hm, hm! — Das ist schlimm, sehr schlimm!
Buehler. (Besorgt.) Also mein Frau glaubt das dumme Zeug — und
natürlich Du auch? — Ihr zwei seid ja immer einig, wenn’s gege mich geht.
Dorn. Nein, Gottfried, ich glaube Dir gern und
wenn Marie eben nicht ein Weib wäre, würde sie Dir glauben müssen, wie ich,
denn Du siehst wahrhaftig nicht aus, wie ein Don Juan.
Buehler. (Steht auf.) Na nu?
Dorn. Ich meine, wie ein ehrloser Don Juan! Aber
das Unglück ist nun mal angerichtet, jetzt heißt es ihm die Stirne bieten. —
Beweise für Deine Unschuld, sagst Du, sind nicht zu erlangen, Du mußt daher
stramm ableugnen. Ich denke bei Deinem ehrlichen Gesicht sollte Dir das doch
gelingen.
Buehler. (Kraut sich in den Haaren.) Na ja ich will’s versuche, aber
ich glaub’ net an den Erfolg, denn sieh, die Marie hat ein scharfes Aug’ und
sieht mir an der Nasenspitz an, wenn ich ihr was vormache will. Dazu kommt
noch, daß ich e schlecht’s Gedächtniß hab’ und anstatt, daß ich die alte Lüg’
zweimal hersag,’ erzähl’ ich dann immer wieder e neue, oder ich werd’ beim
zweite Mal wirklich bei der Wahrheit ertappt!
Dorn. (Leise spottend.) Gottfried! Das ist aber sehr fatal! Weißt Du, daß
Du damit nur wieder schlagend beweist, daß Du zum Mayor nicht taugst.
(Dörthe öffnet die Mittelthür. Rüstet ben Tisch für das Abendbrot und
zündet die Lichter an. Dann wieder ab.)
Dorn. Doch wir wollen jetzt abbrechen. Euer
Mädchen richtet den Tisch für das Abendessen. Du erlaubst wohl, daß ich
mithalte? Wenigstens hat mich Deine Frau eingeladen.
Buehler. (Aufathmend.) Gustav, Du bist mir ein
schrecklicher Mensch! Jedesmal wenn Du kommst, bringst Du mir entweder etwas
Schlimmes in’s Haus, quälst mich oder machst Dich lustig über mich. Es drückt
mich wie eine Last, bis Du fort bist, und bist Du fort, dann fehlt mir was. Die
G’schicht’ mit meiner Alte ist mir ’n wenig in die Glieder gefahre. Du mußt bei
mir bleibe. So lang Du da bist, wird Marie net davon anfange. Morgen, wenn ich
Mayor bin — —
Dorn. Und wenn Du’s nicht wirst?
Buehler. Dann —
Dorn. Still — Deine Frau.
6. Scene.
Vorige. Frau Buehler, später Rosa und Fritz. Dörthe.
_________
Frau Buehler. (Sieht ihren Gatten etwas von der
Seite an, dann zu Dorn.) Guten Abend, Gustav! Freut mich, daß Du Wort gehalten?
Dorn. Du weißt, daß mich Deine Kartoffelpuffer
noch immer herbeilocken.
Frau Buehler. (Zu Buehler.) Nun Gottfried, wie
steht’s?
Buehler. (Aengstlich.) Was? Wie meinst Du?
Frau Buehler. (Etwas verdutzt.) Ich meine die Wahl.
Buehler. (Vorkommend.) Ach so! Die Wahl; nu — Manche
sage eso — Andere wieder eso — Andere wieder sage gar nix.
Dorn. (Leise zu ihm, während Frau Buehler am Speisetisch etwas
zurecht rückt.) Aber, Gottfried, tritt Deiner Frau doch, so lange Du kannst, männlich
entgegen.
Frau Buehler. (Hat etwas am Speisetisch zurecht
gerichtet.)
Ich sollte denken, Du hättest Nachricht. Die Wahl ist doch vorüber.
Buehler. (Sich ermannend.) Wie kann ich Nachricht habe?
Jetzt ist’s siebe Uhr und erst um halb sechs sind die Polls geschlosse worde! E
Frau, die beinah hier gebore sein könnt, weiß noch nicht, daß das Stimmezähle
Zeit nimmt. Ja, wenn man das mit Maschine mache könnt!
Dorn. (Leise zu Buehler.) Bravo, so ist’s recht!
Buehler. Die zähle vielleicht noch morge früh,
wenn die Wahl close ist! Bei der Tilden-Wahl habe sie drei Monat gezählt
und ich soll jetzt schon wisse, ob ich Mayor bin oder net!
Frau Buehler. Na entschuldige nur, wenn mir eure
Wahlfinessen nicht so geläufig sind. Du hast Dich auch früher blutwenig darum
gekümmert. Seitdem Du aber Deine Küferei an eine Aktien-Gesellschaft verkauft
hast und als Rentier nicht immer weißt, was Du mit Deiner Zeit anfangen sollst,
bist Du auf politische Abwege gerathen.
Buehler. Abwege? Natürlich! Man meint, Du und der
Gustav hättet e Stockcompagnie gegründet, um mit verstärktem Kapital gegen mich
zu arbeite. Ich weiß schon, was jetzt noch kommt. “Braver Mensch, durch Glück
und Fleiß zu Wohlstand gelangt, hat sich in’n Kopf gesetzt, er sei zu was
Besserem gebore. Mäßige Geistesgabe, die sich nicht vermehrt habe u. s. w., u.
s. w.” — Das kenn ich Alles auswendig! Das hat mir Dei Partner da schon oft und
viel schöner und ausführlicher beigebracht. Aber ihr irrt Euch alle Zwei und
ich werd’ Euch den Gefalle net thue defeated zu werde, dafür habe ich
gesorgt —
Frau Buehler. Du irrst, wenn Du glaubst, ich
wünsche Deine Niederlage. Mir ist aber mein alter einfacher Gottfried viel
lieber, wie der Honorable Godfrey Buehler auf dem Mayors-Stuhle — das
glaube mir.
Dorn. (Zu Buehler.) Jetzt paß auf, das ist der erste Schuß — in’s Blaue
vorerst, — natürlich.
Buehler. Well, ich sage Dir, Marie, so
Mayor zu sein ist net bitter! Ist’s denn net schön: “His Honor” titulirt
zu werde, (zärtlich
werdend) und
Du Alte als Mrs. Mayor an meiner Seit!
Frau Buehler. Das ist nichts für mich, Gottfried!
Buehler. Die Frau hat aber auch nicht die Spur von
ambition! Ich versteh’s gar net!
Frau Buehler. Und ich nicht, daß Du so blind bist.
Glaubst Du denn daß man wirklich und ernstlich an Dich als Kandidat gedacht
hätte, wenn sie einen andern gefunden hätten, der —
Buehler. Dümmer gewesen wäre als ich. Sag’s nur;
ich bin jetzt bald an Alles gewöhnt!
(Dörthe trägt das Abendessen auf und geht dann wieder ab.)
Frau Buehler. (Rose und Fritz treten auf.) Die Kinder kommen, wir
wollen uns lieber zu Tische setzen.
Dorn. (Zu Buehler.) Die Hauptaktion ist auf eine andere Zeit verschoben
worden.
Buehler. (Zu Dorn ungeduldig.) Ach, mach mir was weiß! Ich
wett’, sie weiß nix von der ganze G’schicht.
Dorn. Die kommt schon, wart nur!
7. Scene.
Vorige. Fritz, Rose.
_________
Rose. Guten Abend, Papa! Guten Abend, Onkel!
Fritz. How are you, uncle — Good evening, Pa!
(Alle Setzten sich zu Tisch. Dorn neben Buehler.)
Rose. (Zu Buehler.) Nun, Papa, wie ist die Wahl verlaufen?
Buehler. (Mürrisch.) Kann ich’s wisse? (Für sich.) Ich sitze wie auf Kohle!
Fritz. Never mind, Pa, you’re all right! (Zu Dorn.) I know for sure, Pa’s elected.
Frau Buehler. Fritz!
Buehler. So! Und wie hast Du denn das erfahren?
Fritz. I wanted to bet with Tommy Higgins, he
is the smartest boy in the class, and he wouldn’t bet me.
Frau Buehler. Wenn Du schon reden mußt, so spricht
doch Deutsch.
Fritz. Mama, so was kann man nicht Deutsch sagen. (Zu Dorn.) I wanted to bet him
even, but he wouldn’t do it, so I bet him five to one, that Pa’ll be elected.
Dorn. Und was habt ihr denn gewettet?
Fritz. I bet my nickel against his penny.
(Alle lachen.)
Frau Buehler. Aber Fritz, was seh ich? Du hast ja
ein blaues Auge!
Rose. ’s ist ja wahr, eben sah ich’s auch.
Fritz. O that’s nothing! — The other
fellow got two black eyes and a bloody nose besides.
Buehler. (Will ärgerlich werden.) Also Du hast wieder mal
gefighted, Lausbub! Ich möcht’ Dir noch e Ohrfeig dazu gebe. (Macht eine entsprechende
Bewegung.)
(Rosa unb Frau Buehler wehren ab.)
Frau Buehler. Laß ihn doch, er wird angegriffen
worden sein.
Rose. Die Jungens in seiner Schule sind so
abscheulich.
Fritz. (Zu Rose.) But I can handle them, you bet! I won’t let them call
Pa any names.
Buehler. (Aufmerksam.) So? Na, was haben sie denn von
mir gesagt?
Fritz. (Zu Buehler.) Jimmy Hadley called you a — (zögernd, dann leiser) dam’ Dutchman.
(Alle außer Buehler und Fritz lachen.)
Buehler. (Aergerlich.) Und was hast Du geantwortet?
Fritz. I called him a blasted Knownothing and
said, says I, that we were as good as him, any day, says I, and a darn sight
better too, and then be called me a liar, and I said, says I, you are another,
an — and — and so the fight commenced. But I malled him so he won’t call me
names again, you just bet your boots!
(Frau Buehler, Dorn und Rosa lächeln verstohlen.)
Buehler. (Kann seine Befriedigung nicht unterdrücken.) Na, eigentlich hast Du
Recht gehabt, aber wenn Du in Deim Lebe Jeden durchhaue willst, der Dich
“Dutchman” schimpft, da kriegst Du mehr zu thun als Du händle kannst. — (Sieht auf die Uhr.) ’s ist jetzt halb acht,
mach Dich an Deine Aufgabe und dann geh zu Bett.
(Fritz setzt sich an einen Tisch auf der anderen Seite des Zimmers und
schlägt seine Bücher auf.)
Rose. Papa, ich gratulire Dir auch zu Deinem
Erfolge.
Buehler. (Schnell.) Erfolg! Was für ein Erfolg?
Rose. Nun, Du hast doch den Preis auf der
Schulfair gewonnen.
Buehler. Ach so!
Dorn. Das soll ja ein kolossaler Erfolg gewesen
sein.
Buehler. (Für sich.) Gott soll’s wisse, theuer genug war er!
Frau Buehler. Ja, ich hörte es schon gestern Abend
von Rosa (zögernd
und bedeutsam). Von Dir hab ich’s nicht gut erfahren können, denn Du warst heute ja
nirgends zu sehen — und gestern Abend so wenig mittheilsam.
Buehler. Ja, ich war halt müd — (geht ein paar Mal auf
und ab.)
Frau Buehler. Kein Wunder, es war auch schon spät,
oder vielmehr schon recht früh, Du kamst zu gleicher Zeit mit dem Milchmann.
Dorn. Da kann ich mir die Stunde ungefähr denken.
Buehler. Na ja, ich mußte doch meine Freunde, die
sich für mich angestrengt hatte, en Bische treate und da ist’s
wahrscheinlich spät geworde! (Reibt sich über den Magen.) Die G’schicht ist mer auch net
gut bekomme, der verdammte kalte Lunch steckt mir noch im Mage!
Frau Buehler. (Ironisch.) Natürlich — der Lunch!
Buehler.
(Sie
copirend.)
Natürlich — der Lunch!
Fritz. Papa, your bile is out of order.
Buehler. (Aergerlich.) Bile! Bile!? Was ist denn
das wieder für ein neues Wort?
Frau Buehler. Fritz, was soll das?
Dorn. (Erklärend.) Deine Galle sei außer Ordnung.
Buehler. Meine Galle ist in der allerschönste
Verfassung und ich hab augenblicklich genug davon, um Dir — (Steht auf und holt mit
der Hand aus.)
Fritz. (Zurückweichend.) Listen, Pa! Here my Physiology-book says: (liest) The acids of the
stomach should be absorbed by the alkali of the bile!
(Rosa und Frau Buehler lachen. Die Anderen stehen nach und nach auf; Frau
Buehler klingelt. Dörthe kommt und es wird abgedeckt.)
Buehler. (Hat den Satz nicht begriffen, blickt ärgerlich
von Einem zum Andern.) Was ist das nu wieder für e neus Studium, das sie euch da eintrommele! (Zu Fritz) Gieb her das Buch! (Liest) “First Book in
Physiology.” “The human body and how to take care of it. — Eating and
what comes of it. Effects of Alcohol upon the body.” (Wirft Fritz das Buch ärgerlich
vor die Füße.) Natürlich, auch wieder so e verkappter Temperenz-Traktat! Marsch aus meine
Auge mit sammt Deiner — Deiner physiology und laß mich’s net wieder
sehe!
Fritz. (Packt seine Bücher zusammen, zu Rosie.) Rosie, please come
and help me with my examples?
Rose. Yes, wait a minute. (Zu Buehler.) Ich habe manches Gute in
dem Buche gefunden, Papa. Eine vernünftige Gesundheitslehre schadet doch gewiß
nichts.
Buehler. Ach was, alles dummes Zeug! Mich und Dei
Mutter habe sie auch net gelehrt was wir net esse und net trinke
sollte und sind doch immer gesund und munter gewese! — Aber so geht’s hier mit
dene Schule! — Dich hab’ ich in die deutsche Akademie geschickt, in e
Musterschul, und Du hast die ganz Weltg’schicht von d Grieche und de römische
Kaiser an auswendig gelernt; sprichst deutsch, perfekt — wie ein Grünhorn, und
’s Englische — ungefähr ebenso. — Und den Bub’, den schick’ ich in die “Public
School,” wie sich das für ein’ angehende amerikanische Bürger schickt und der
studirt im zwölfte Jahr Anatomie und G’sundheitslehr wie e Doktor, schpellt wie
ein Papagei und lernt so gut Englisch, daß er auf e deutsche Frag’ immer e
englische Antwort gibt! ’s ist doch zu verrückt! Man weiß schon gar net
mehr, was man mit dene Kinner anfange soll!
(Rosa und Fritz ab.)
Frau Buehler. Du scheinst Dich ja sehr gegen die
Mäßigkeitslehre zu ereifern.
Buehler. Herr Gott, Marie! Laß mich jetzt in Ruh
mit Deine Sticheleie! — Nu ja, meinetwege, ich hab’ gestern en g’hörige Affe
gehabt und hab’ folglich heut ’n Katztenjammer! Aber jetzt muß ich gehe und
endlich einmal nachsehe, wie die Returns hereikomme.
Dorn. Ich gehe mit Dir, Gottfried!
Buehler. (Bestrebt fortzugehen.) Gewiß, komm nur, es ist hohe
Zeit.
Frau Buehler. (Zu Dorn.) Wieviel Uhr ist’s denn?
Dorn. Nicht ganz halb acht.
Frau Buehler. (Zu Buehler.) Ich glaube doch vorhin
verstanden zu haben, daß vor acht Uhr nichts zu erfahren sei.
Buehler. (Etwas verdutzt.) Eigentlich ja! Ich habe aber dem
Pete versproche, ihn um siebe Uhr im headquarter zu treffe.
Frau Buehler. Nun dann ist es also doch zu spät
für die Verabredung; wir wär’s, wenn Du, Gustav, vorausgingst, und Gottfried
entschuldigtest?
Dorn. Wie Du meinst, — aber —
Buehler. Aber warum soll ich denn noch hier
bleibe?
Frau Buehler. (Leise zu Buehler.) Das sollst Du gleich
erfahren. Bleibe! (Zu Dorn.) Adje, Gustav!
Dorn. (Zu Buehler, komisch.) Leb wohl, Gottfried! Es war so
schön gemännedscht, doch es hat nicht sollen sein! (Zu Frau Buehler.) Adje Marie!
(Nach Buehler hin noch eine Geberde des Strammbleibens machend, ab.)
8. Scene.
Buehler. Frau Buehler.
_________
Frau Buehler. (Nach einer kleinen Pause.) Ich habe Gustav
absichtlich zum Vorausgehen bewogen, da ich Dir etwas zu sagen habe.
Buehler. (Athmet schwer auf.) Wie Du willst, Marie!
Frau Buehler. (Setzt sich ins Sopha.) Laß uns ein wenig
plaudern.
Buehler. Wenn Dir mei Unterhaltung heut Spaß
macht, meinetwege. (Halb ängstlich.) Aber, — von was denn?
Frau Buehler. Nun — von der Vergangenheit.
Buehler. (Für sich.) Jetzt kommt’s.
Frau Buehler. Weißt Du auch, Gottfried, daß heute
unser Hochzeitstag ist?
Buehler. (Erleichtert.) ’s ist ja wahr — das hatt’ ich
wahrhaftig ganz vergesse. (Setzt sich zu ihr.)
Frau Buehler. Ist auch nicht zu verwundern. Du
mußt jetzt an andere Dinge denken.
Buehler. (Zerstreut.) Na, der Mensch muß doch emal vernünftig werde und
—
Frau Buehler. Vernünftig?
Buehler. Na, ich mein der Mensch muß endlich
begreife, daß er net zum Faullenze geboren ist, sondern sich nützlich mache
soll für die Menschheit.
Frau Buehler. So! — Nun ich meine, Gottfried,
damals warst Du ein nützlicheres Mitglied der menschlichen Gesellschaft, als
heut.
Buehler. (Zerstreut.) Wann? Damals?
Frau Buehler. Vor zwanzig Jahren!
Buehler. Ach ja so — damals an unserm
Hochzeitstag! — Ja, ja!
Frau Buehler. (Scheltend.) Gottfried! Ich meine, als Du
noch Küfer warst in der großen Brauerei, gegenüber dem kleinen Putzladen, den
ich führte. — Ich sehe Dich heute noch wie in jenen Tagen, als Du in Kappe und
Schurzfell frisch und flott den Rundgang um die großen Fässer machtest und Dein
Liedchen sangst.
Buehler. (Jetzt ebenfalls von der Erinnerung angeregt.) Ja, ich weiß! Und wenn
ich dann als emal gestoppt hab während der Arbeit und hinüber geguckt und Du
über Deine Blume raus zu mir herüber geblinzelt hast, da bin ich erst recht
wieder in Trab gekomme und hab drauf los gerappelt, daß es e Freud war.
Frau Buehler. Der Nachbarschaft war das lustige
Gehämmer ein Greuel, aber mir, Gottfried, mir war es die schönste Musik.
Buehler. Ja, das waren schöne Zeiten! (Citirt.) “Die schöne Zeit der
ersten Liebe!”
Frau Buehler. Der jungen Liebe heißt es.
Buehler. Na ja, die junge und die erste. Du
warst doch mei erste und mei — mei einzige Lieb!
Frau Buehler. (Forschend.) Die Allererste?
Buehler. Na, natürlich.
Frau Buehler. Hast Du wirklich nie eine andere vor
mir geliebt, Gottfried?
Buehler. Ich will Dir sage, Marie, e vernünftige
Frau soll ihrem Mann kei so Frage stelle, besonders net nach zwanzig Jahr.
Frau Buehler. Also ist es wahr! O Gottfried, ich
bin betrogen, hintergangen.
Buehler. (Für sich.) Na, jetzt kann’s losgehe, das andere war nur so a
Preambel. (Laut.) Betroge! Hintergange! How
so? (Dorns
Miene und Worte nachahmend.) Seh ich aus wie ein Don Juan? (Steht auf.)
Frau Buehler. (Zieht einen Zeitungsausschnitt
heraus und gibt ihn Buehler.) Da lies und vertheidige Dich, wenn Du kannst.
Buehler. (Mit einem Seitenblick nach dem Blatt.) Ach, kenn ich schon!
Dummes Zeitungsgequatsch!
Frau Buehler. Also Du kanntest es und hast es
nicht der Mühe werth gehalten mir eine Aufklärung zu geben?
Buehler. No! Weil ich Dich für vernünftig
genug gehalte hab, net Alles zu glaube was man über Deinen Mann in der Zeitung
schreibt.
Frau Buehler. (Freudiger.) Also dies ist Alles erlogen,
nicht wahr?
Buehler. Gewiß, ja — of course — das heißt,
’s Meiste davon, oder vielmehr das Wenigste —
Frau Buehler. Also wahr — wirklich wahr. O meine
Ahnung!
Buehler. Was für eine Ahnung? Marie, ich sag Dir,
ich bin vollständig unschuldig! Bedenk doch — ich — ich war erst neunzehn Jahre
alt.
Frau Buehler. (Langsam.) Nun?
Buehler. (Verdutzt.) Nun? (Pause.) Und — und ich war in Begleitung von meim Vater, der,
wie Du weißt, ein höchst strenger Mann war.
Frau Buehler. Und wenn! Die gestrengen Väter haben
oft die lockersten Söhne.
Buehler. Ja, ich habe aber das Mädchen doch erst
auf dem Schiff kenne gelernt.
Frau Buehler. Beweise!
Buehler. (Stammelnd.) Sie kam aus Pommern und ich aus
Hanau! —
Frau Buehler. (Spöttisch.) Soll das ein Beweis sein?
Buehler. (Böse werdend.) Herr Gott im Himmel! Frau laß
mich jetzt in Friede mit der Inquisition! Das ist vielleicht kein Lawyers-Beweis,
aber wer wie Du einem ehrliche Gesicht kein Glaube schenke will, der würde
selbst, wenn ich den Verführer — Pätow glaub ich, hieß der Schuft, —
verbeischaffe könnt, noch fortfahre mich im Verdacht zu habe. Da hört doch die
Gemüthlichkeit auf.
(Sinkt erschöpft in den Stuhl, in Folge der krampfhaften Anstrenungen
lebhaft athmend und ängstlich auf seine Frau schauend.)
Frau Buehler. (Aufstehend, gemessen.) Gewiß, die
Gemüthlichkeit und noch weit mehr hat zwischen uns aufgehört. Ich sehe es genau,
ich bin die betrogenste aller Frauen! Wir Zwei sind geschiedene Leute,
Gottfried!
Buehler. Geschieden?
Frau Buehler. Ja, geschieden.
Buehler. (Aufspringend.) Aber, Marie! Liebe Marie!
(Draußen hört man erst lesie, dann lauter “Hurrah” schreien.)
Frau Buehler. Genug davon für heute. Jetzt magst
Du zusehen ob Du vielleicht Mayor geworden bist und kannst die befleckte Stirne
dem Volke zeigen, das einen Mann erwählt, der das Glück seiner Familie und
seiner Frau zerstört hatte, als er sie nach nicht einmal kannte. (Mit Würde ab.)
9. Scene.
Buehler (allein). Dann Oldham.
(Draußen lautes “Hurrah.”)
_________
Buehler. (Geht langsam nach rechts zum Fenster.) Ob das Hurrah wohl
meiner Frau gilt?
(Will abgehen, trifft unter der Thür Oldham.)
Oldham. Uncle, hast Du etwas Zeit für mich?
Buehler. (Ungeduldig.) Du, Charley, was willst Du?
Oldham. I see — Du willst fort — Ist
unnöthig, Du bist schon so gut wie erwählt.
Buehler. No, was Du sagst! Hurrah! Jetzt
kann noch Alles gut werde! (Eilig ab.)
10. Scene.
Oldham (allein).
_________
(Ruft ihm nach.) Uncle, uncle! Er hört nicht. Wollte meine Werbung um Rosie vorbringen,
bevor er ausfindet, daß er geboten ist. Defeated ist der gute uncle, das
ist sicher. Wenn meine split tickets ihn nicht defeated haben, so
hat’s mein kleiner Sensations-Trick gethan mit der Liebesgeschichte. Auch
hinter diesem wird er die Thompsons vermuthen und sie zur Hölle wünschen. I’ll
get there if luck will have it! (Ab.)
(Hinter der Scene: “Hurrah! Hurrah! Hurrah!”)
11. Scene.
Frau Buehler, dann Christian.
________
Frau Buehler. Ob die Entscheidung schon erfolgt
ist? Draußen rufen sie voll Jubel und Freude.
(Setzt sich an den Tisch, wo Fritz seine Aufgaben machte, und nimmt ihr
Nähzeug zur Hand.)
Wenn Gottfried doch Mayor geworden? Freuen sollte es mich
für ihn, wenngleich unser Glück über diese unselige Wahl zu Grunde gegangen
ist. O um den Leichtsinn der Männer! Sollte man diesem Mann mit dem ehrliclhen
Gesicht zutrauen, daß ein so schwarzer Fleck auf seiner Vergangenheit haftet?
Wir Frauen find immer ihre erste wahrhaftige Liebe, aber geliebt haben
sie andere doch vor uns! (Seufzt.)
Christian. (An der Thür.) Madame, hent Se e bisle Zeit für
mi ibrig?
Frau Buehler. Ah Christian, sind Sie’s? Wissen Sie
wohl, wem das Hurrah galt?
Christian. I? — Jo, des woiß i net! So a Gebrüll
verstandet nur de Wilde in Afrika!
Frau Buehler. Nun, Christian, was kann ich für Sie
thun?
Christian. Sehe Se, wisse Se, Frau Buehler, I — i
— möcht gern heirathe und —
Frau Buehler. (Lächelnd.) Heirathen? Und wen denn?
Christian. Na, die — die Dorothee!
Frau Buehler. Dörthe? Ja, das ist ja was ganz
Neues!
Christian. Ja, mir au.
Frau Buehler. Ja und lieben Sie sie denn?
Christian. Ei freili! Sie soll ja mei Frau werde!
Fran Buehler. Und ist Dörthe auch Ihnen gut?
Christian. Ja, sehe Se, Frau Buehler, sell weiß i
ebe net; aber se hat gsagt, wenn i nemme fluache thät und verspreche wollt, dem
Barney nix zu thue, so könnt ma net wisse, was noch werde könnt — —
Frau Buehler. Kennen Sie denn ihre Familie, ihre
Angehörigen näher?
Christian. I weiß nix, als daß sie Dorothea Pätow
heißt und e Waisekind ischt, wie i au.
Frau Buehler. (Stutzend, für sich.) Pätow, Pätow? Das ist ja
derselbe Name, den mein Mann — (zu Christian.) Und hat sie Ihnen noch nie von ihren Eltern
erzählt?
Christian. Sie sagt, sie sei uf ’eme Schiff bei
der Ueberfahrt gebore worde und ihr Mütterle sei bald nachdem sie gelandet
wäret, im Elend gstorbe, — ihrn Vatter hätt se net kennt, hat sie gsagt.
Fran Buehler. (Für sich, aufgeregt.) Diese Person in meinem
Haus! O Gottfried, Gottfried, was werd’ ich noch erleben.
(Zu Christian, nachdem sie ihre Aufregung niedergekämpft hat.)
Sie wollen meinen Rath, Christian, und ich will Ihnen
denselben geben. Sie verdienen eine brave Frau, aber Dörthe ist nichts für Sie!
Sie ist eine — eine leichtsinnige Person, die ich sofort entlassen werde! Da
haben Sie meinen Rath und nun thun Sie was Sie für das Beste halten.
Christian. (Nach einigem Nachdenken.) I merk so nach und nach immer
mehr, wie recht Sie habet. I glaub wirklich, die Dorothee meint’s net ganz
ehrlich mit mer und so will i se halt in Gottesname fahre lasse. Gott vergelt’s
Ihne, Adje! (Für sich im Abgehen.) Aber jetzt kriegt der Barney erst recht seine Prügel und
das feschte! Ei Genugthuung muß der Mensch doch han! (Ab.)
(Wiederholtes Johlen auf der Straße.)
Frau Buehler (allein). Na, das hat mir
gerade noch gefehlt. O Gottfried, Gottfried, was hast Du mir angethan!
12. Scene.
Frau Buehler, Rosa. Dann Dörthe, Harold.
________
Rosa. Mama ich fürchte, Papa ist geschlagen.
Frau Buehler. Nun vielleicht ist es besser so!
Rosa. (Am Fenster rechts.) Du hast gut reden, Mama. Aber
was wird aus Harold und mir? Es ist abscheulich, daß sich dieser Wahlkampf
selbst in die Herzensangelegenheiten der Kinder drängt.
Frau Buehler. (Für sich.) Ja sogar in die der Alten.
(Dörthe tritt auf.)
Rosa. Dörthe, Du? Was gibt’s?! Hast Du Berichte
über die Wahl?
Dörthe. Ich? No, Miss Rosie!
Fran Buehler. Was willst Du?
Dörthe. Hier die Karte!
(Rosa nimmt die Karte und liest dieselbe, indem sie zu ihrer Mutter geht.)
Rosa. (Verlegen, dann) Harold! Laß ihn eintreten, Mama, und höre ihn!
Frau Buehler. Nun meinetwegen! (Zu Dörthe.) Mr. Thompson ist willkommen! (Zu Dörthe.) Wenn Mr. Thompson fort
ist, kommen Sie sofort hierher, ich muß Sie sprechen.
Dörthe. Schon gut! (Geht, kehrt sich aber noch
einmal um.)
Madame, eben fällt mich bei, ich habe doch was gehört. Vorhin lief Einer
drunten vorbei, der schrie immerzu: 386 Majority! Hurrah! Hurrah!
Fran Buehler. Rosa. (Zugleich.) Für wen?
Dörthe. Vor Jochen Snut, Constabler, in die 19.
Ward.
(Geht zur Thür und läßt Harold ein, dann ab.)
Fran Buehler. (Enttäuscht.) Abscheuliches Ding!
Rosa. (Zugleich.) Ah!
(Harold tritt ein.)
Rosa. (Auf ihn zugehend.) Guten Abend, Harold!
Harold. (Reicht Rosa vorübergehend die Hand und nickt ihr
freundlich zu, geht dann zu Frau Buehler verbeugt sich vor ihr. Diese reicht
ihm ihre Hand, welche er sichtlich erfreut ergeift. Rosa tritt zurück.) Guten Abend, Frau
Buehler. Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mich in dieser Stunde empfangen.
Frau Buehler. Nicht doch, Mr. Thompson; warum
sollte ich nicht. Sie sind mir stets willkommen!
Harold. Nun, ich dachte der Sohn eines
wahrscheinlich geschlagenen Mannes würde in der Stunde der Freude vielleicht
nur störend sein.
Fran Buehler. Wie? Sie haben Nachricht?
Rosa. Ist’s entschieden?
Harold. Noch nicht; aber alle Anzeichen deuten auf
den Erfolg des Herrn Buehler hin.
Frau Buehler. Mr. Thompson, Sie sehen mich in
einer unangenehmen Lage. Der Sieg meines Gatten sollte mich freuen; allein ich
habe dennoch meine ernstlichen Bedenken! Es wäre entschieden besser für Herrn
Buehler wenn er geschlagen würde, oder (mit einem Seufzer) wenn er nie Kandidat geworden
wäre.
Harold. Ihr Gatte repräsentirt die gegenwärtige
Strömung in der Politik und dieselbe ist nicht ganz zu verwerfen, während
anderseits mein Vater ein gewisses veraltetes conservatives Element vertritt,
das, trotz seiner Ehrbarkeit, durch sein unduldsames Wesen nicht mehr in unsere
Zeit hineinpaßt.
Frau Buehler. Ich fühle, daß Sie mir etwas
Freundliches sagen wollen, und ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht; aber
lassen wir das lieber, Mr. Thompson, und kommen wir auf etwas Anderes.
Rosa. Mama, Du wirst mich vielleicht
entschuldigen, ich möchte dem Vater noch einen kleinen Imbiß herrichten.
Frau Buehler. Ja gewiß, Rosa; gehe nur, Du bist
entschuldigt!
Rosa. (Verbeugt sich hinter dem Rücken der Mutter etwas komisch
gegen Harold und wirft diesem, ehe sie das Zimmer verläßt, eine Kußhand zu. Ab
durch die Mittelthür.)
Frau Buehler. (Harold zum Sitzen einladend.) Nun, Mr. Thompson, sagen
Sie mir, was Sie zu uns führt.
Harold. Frau Buehler, Sie wissen daß ich Ihre
Tochter liebe und daß ich gerne Ihre Zustimmung erhalten möchte zu unserer
Verlobung. Ich weiß, Herr Buehler ist mir nicht sehr gewogen. Ich komme daher
zu Ihnen, mit Rosies Erlaubniß, um Sie zu bitten, Fürsprache bei Herrn Buehler
für unsere Verbindung einzulegen.
Frau Buehler. Nun, nach Allem was ich von Ihnen
gehört habe, bin ich nicht abgeneigt Ihre Bewerbung um Rosas Hand zu begünstigen.
Ich weiß, Rosa liebt Sie und ich kenne erstere zu genau, um nicht zu wissen daß
sie ihre Neigung keinem Unwürdigen entgegenbringen wird.
Harold. (Eifrig.) Dank, Dank! Und wenn Sie mich erst näher kennen
gelernt haben, so werden auch Sie eine solche Meinung von mir bekommen.
Vielleicht wird auch Herr Buehler sein ungünstiges Urtheil über mich ändern.
Frau Buehler. Das wollen wir hoffen! Bis jetzt
aber haben Sie eher Alles vermieden, die Ansicht die er über Sie hat,
umzugestalten.
Harold. Ich fühle meinen Fehler, nachdem Rosie
mich darauf aufmerksam gemacht hat.
Frau Buehler. Also Rosie hat Sie schon in die Kur
genommen?
Harold. O ja und wie!
Frau Buehler. Fürchten Sie sich nicht ein wenig
vor ihrer schulmeisterlichen Art?
Harold. O nein, durchaus nicht! Ich habe schon in
so vielem empfunden, wie recht sie hat und wie verkehrt manche unserer
anglo-amerikanischen Anschauungen sind. Dann ist sie ja auch nicht einseitig
und lobt das Gute auch auf unserer Seite.
Frau Buehler. Gewiß! (Nachdenklich, dann etwas
lauernd.)
Wissen Sie, daß Sie sich heute hätten am Besten die Gunst meines Gatten
erringen können?
Harold. Und wie?
Fran Buehler. Wenn Sie sich ein wenig seiner Sache
angenommen hätten, vielleicht nur so im Stillen!
Harold. (Nach einer kleinen Pause, verlegen.)
Frau Buehler, ich verstehe Sie nicht ganz; wenn ich aber
recht bin, so würde das meiner Ansicht nach einen Vertrauensbruch in sich
schließen, meinem Vater gegenüber. Das wäre ich nicht imstande gewesen, wenn
ich auch mit den Ansichten meines Vaters nicht ganz übereinstimme. Oder
verstand ich Sie falsch?
Frau Buehler. (Lächelnd.) Nun, Mr. Thompson, Sie haben
mich recht verstanden und ich freue mich Ihrer ehrenhaften Ansichten. Verzeihen
Sie einer Frau, die in ihrem langen Leben in diesem Lande einen schlimmen
Fehler in dem Gesammtcharkter Ihrer Stammesbrüder gefunden hat: seine Ansicht
zuweilen nur um des Vortheils willen zu verschweigen. Ich kann alles verzeihen
nur die Unwahrheit nicht.
Harold. Frau Buehler, ich habe durchaus keinen
Grund Ihnen ob des kleinen Kreuzverhörs böse zu sein. Aber nun danke ich Ihnen
für Ihre Freundlichkeit mich als Sohn aufnehmen zu wollen und ich überlasse,
wie gesagt, getrost mein Anliegen Ihrer Sorge in der sicheren Hoffnung, Sie
werden Alles zu meinen und Rosas Gunsten lenken. Leben Sie wohl, Frau Buehler. (Er erhebt sich und will
gehen.)
Frau Buehler. Harold, — so darf ich Sie jetzt wohl
nennen?
Harold. (Eifrig.) O ich bitte darum!
Frau Buehler. Kommen Sie morgen früh, falls Herr
Buehler siegen sollte, wieder her. Vielleicht läßt sich dann schon etwas für
Ihre Sache thun.
Harold. Wenn aber mein Vater gewählt ist?
Frau Buehler. Dann warten Sie noch einige Tage.
Harold. Gut! Wie Sie befehlen! Ich baue jetzt ganz
allein auf Sie! Guten Abend! (Ab.)
Frau Buehler. Rosa hat sich nicht getäuscht.
Harold ist ein Ehrenmann im vollen Sinne des Wortes. Sie wird glücklich mit ihm
werden — glücklicher wie ihre Mutter — o Gottfried!
13. Scene.
Frau Buehler, Dörthe, Barney.
________
Dörthe. (Stürzt zur Thür herein, hat Barney am Aermel und
will ihn hereinziehen. Dieser aber, der zerschlagen und blutrünstig aussieht,
bleibt unwillig an der Thür stehen.)
Miß Buehler, Miß Buehler!
Frau Buehler. (Auffahrend.) Was gibt’s, Dörthe? Was
soll der laute Ton?
Dörthe. (In der Thüre.) Come Barney!
Barney. (Schüttelt unwillig mit dem Kopfe.)
Dörthe. (Mit dem Fuße aufstampfend.)
Come here, Barney!
Barney. (Brummt etwas durch die Zähne, rührt sich aber
nicht von der Stelle.)
Dörthe. (Zieht Barney herein.) Da sehen Sie man hin! Ist das
die Art, wie bei Sie ein anständiges Mädchen in ein anständiges Haus sich zu
trieten lassen braucht?
Frau Buehler. Der Mann blutet ja? Wer ist es denn?
Was hat’s gegeben?
Dörthe. Was es gegeben hat? Sehen Sie sich ihn mal
an. (Weint.) Haue hat’s gegeben.
Beinahe umgebrungen hat er ihm!
Frau Buehler. Wer, wer denn?
Dörthe. Der Krischan, Ihr Kutscher, der
miserablichte Schwob hat mich meinen Barney, meinen schönen Barney, zugerichtet
wie ein geklopftes Beefsteak! Da sehen Sie ihm mal an; nischt ist von all seine
Schönheit geblieben als der eine Vorderzahn.
(Geht auf Barney zu, der sich mürrisch abwendet und dann, nachdem er die
Zähne gefletscht und der eine Zahn sichtbar wurde, abgeht. Dörthe kommt wieder
vor zu Frau Buehler, die ein Lächeln nicht unterdrücken kann.)
Aber Miß Buehler, das sag ich Sie (das Folgende in möglichst
schnellem Tempo.) Ich brauche mich in ein anständiges Haus nicht gefallen zu lassen, daß man
meinen Liebsten haut. Ueberall wo ich gewohnt habe, habe ich mich einen beau
gehalten, wie es einem anständigen Mädchen zukommt und ich bin auf viele Plätze
gewesen; Sie müssen nicht denken, daß dies der erste ist und daß ich grün bin
und bei Sie dienen muß — —
Frau Buehler. Dörthe, ich verbitte mir solche
Sprache!
Dörthe. Ach was! Dies is ein freies Land und ich
bin gerade so gut wie Sie und noch viel besser, wenn ich auch nicht (schnippisch) Mrs. Mayor bin, was Sie
eigentlich auch noch nich sind! — Und der Mr. Buehler — puh! auch en Mayor, das
is der Rechte. (Lacht.) Hahaha!
(Pauken und Pfeifen, untermischt mit Hurrahrufen in der Entfernung, nach
und nach näher kommend.)
Frau Buehler. (Aergerlich werdend.) Dörthe!
Dörthe. Ha, so’n Mann, der die Dienstmädchens
nachstarrt mit die Glotzaugen und keine Courage nicht hat, als ihr manchmal so
hinten ’rum ’n Quarter in die Hand zu drücken.
Frau Buehler. (Höchst aufgebracht.) Jetzt aber hab’ ich’s
satt! Gleich packen Sie Ihre Sachen und verlassen das Haus! Augenblicklich
gehen Sie!
Dörthe. Na ja, ich werde man schon. Ich kann
einigen Platz haben. Die Mrs. Mayer an die Dritte Straße gibt mich gleich ’en
halben Dhaler mehr die Woche, wenn ich zu ihr komme.
Frau Buehler. (Nimmt Geld aus ihrer Börse.) Da haben Sie Ihr Geld!
Marsch hinaus!
Dörthe. (Im Abgehen verächtlich.) Nu ja, ich gehe ja schon!
(Als sie zur Thür hinaus will, kommt Buehler.)
14. Scene.
Vorige. Buehler.
________
(Musik setzt ein hinter der Scene, nicht zu laut. Rufe: “Hurrah, Hurrah!
Hurrah for our Mayor! For Captain Godfrey Buehler! etc. etc.”)
Buehler. (Kommt zur Thür hereingestürmt, umfaßt Dörthe und
dreht sich mit ihr ein paar Mal im Kreise herum, bis zur Mitte der Bühne hin.)
Ich bin gewählt! Ich bin gewählt! Ich bin gewählt!
Hurrah!
Dörthe. (Windet sich los, grimmig zu Buehler im Abgehen.) O you old fool! (Ab.)
Frau Buehler. Gottfried!
Buehler. (Stutzt, kraut sich im Haare, während seine Frau
auf ihn zugeht, ihn mit ihren Blicken musternd. Er begegnet dem, was sie sagen
möchte, indem er sie umarmen will, sie aber windet sich los und wendet sich
nach rechts.) Komm her Mrs. Mayor Buehler, sei wieder gut!
Frau Buehler. (Abwehrend, streng.) Schamloser Mormone!
(Alle im Eintreten: “Hurrah! Hurrah! Hurrah!” — Musik. — Schlußgruppe.)
Vorhang fällt.
Dritter Akt.
————————
1. Scene.
Die Dkoration wie im zweiten Akte. Die Mittelthür ist
offen. Die Lampen ausgelöscht. Der Marmortisch vorm Fenster in der Mitte des
Zimmers, drei Stühle um denselben. Das Sopha u. s. w. links möglichst zur Seite
gerückt.
————————
Buehler (allein). (Im Schlafrock.) Also Mayor wär’ ich! Mit
700 Stimmen Majorität! ’s ist doch e schöne Sach’ so Auserwählter des Volks zu
sein und zu denke, wie die ganze Stadt jetzt auf ein hinguckt und denkt, der
Godfrey Buehler ist doch eigentlich e Mordskerl! ’s muß doch was hinter so me
Mensche stecke, sonst könnt’s dem souveräne Volk doch net passire, daß es ihn
wählt. Well, das Volk soll sich auch nit in mir getäuscht habe, ich will
ihm treulich diene. Jetzt werde die neue Straße ausgelegt und die alte
gepflastert. Die Wasserwerke müsse vergrößert werde und dene Yankees, die die
deutsche Sprach’ aus de öffentliche Schule treibe wolle, muß gelehrt werde, daß
jetzt e deutscher Mayor das Heft in der Hand und ihne das Handwerk lege wird.
S’ is doch e Freud das Volk so in sich selbst verkörpert zu sehe und so von
Jedem angeredet zu werde: “How do you do, Mr. Mayor ?” und “How is
your Honor to-day?” (Nachdenklich.) Nur eins fehlt mir jetzt zu meim Glück: e
freundlicher Blick von meiner Frau! Der ist aber seit gestern die Sonn’ im
Gesicht untergegange und kein Strahl will mehr aus ihre Auge auf mich
niederfalle. 699 Stimmen mehr als ich brauch, um Mayor zu sein und dennoch
fehlt mir eine, ohne die ich’s in Friede net sein kann. ’s ist schändlich! Und
noch so unschuldig dabei zu sein! Wenn ich mir nur noch so e kleins
Fehltrittche zu Schulde hätt komme lasse, da wär doch noch e Bische Sinn
in der Geschicht; — aber so unschuldig wie e Lämmerschwänzche! — Aber wenn ich
den Kerl zwische die Finger krieg’, der die G’schicht angestiftet hat, dem
brech’ ich bei meiner Mayors-Ehr’ alle Knoche im Leib kaput. (Setzt sich.)
2. Scene.
Buehler, Dorn.
________
Dorn. Guten Morgen, Herr
Mayor.
Buehler. (Mürrisch.) Guten Morgen. — Ach so, Du bist’s!
Dorn. Na, gut geschlafen auf Deinen frischen
Lorbeeren?
Buehler. Ja, hat sich was zu Lorbeern!
Dorne sind’s, nix als Dorne!
Dorn. Na, Du fängst aber früh an Deine erhabene
Stellung zu beklagen — früher wenigstens, als ich dachte —
Buehler. Mayor der Stadt zu sein, weißt Du, macht
mir vorderhand kei’ Sorge — und wenn ich Trubel hätt’, so würd’ ich schon damit
fertig wern, — Dir zum Trotz — aber mei Alte —
Dorn. Ja allerdings, Marie scheint unversöhnlich.
Buehler. Hast Du das Gesicht gesehe gestern Abend?
Dorn. (Nickt.)
Buehler. Den Blick! Ich hab schon manchmal
die Bekanntschaft von dem Aug’ gemacht, aber so geblitzt hat’s noch nie
aus dere Eck’ wie gestern Abend! Denk Dir nur, scheide will sie sich
lasse — scheide!
Dorn. (Hat sich gesetzt.) Hätte nicht gedacht, daß sie soweit gehen würde —
wann hat sie das gesagt?
Buehler. Gestern Abend, nachdem Du fort warst. —
Natürlich, es soll nicht öffentlich sein, nur so unter uns. — Verstehst Du? —
Gustav, Gustav! warum hast Du mich verlassen!
Dorn. (Lächelnd.) Konnt’ ich anders, sie hat mich ja moralisch vor die
Thür gesetzt.
3. Scene.
Vorige. Christian.
________
Christian. (Wischt sich die Augen, hat geweint.)
Entschuldige Se, Mischter Bueh — Mischter Mayor, wollt i
sage, — Die Dorothee (weint heftig) ischt — ischt net da; und weil e Herr drauße ischt, der Se sehe will — da
bin i komme. —Da ischt sei Karte.
Dorn. Christian, was ist Dir? Du weinst ja?
Christian. Ach, Herr Dorn, wenn Sie wißtet, wie
des thuat, Sie würdet au greine!
Dorn. Ja was denn, was denn?
Christian. ’s isch werle schad! ’s war a saubers
Ding. I han se so gern ghet und was soll das arme Waisekindle jetzt anfange?
Dorn. Ja, was für ein Waisenkind? — Wer denn?
Christian. Ha no, die Dorothee, unser Stubemädle!
Mrs. Buehler hat se fortgschickt.
Buehler. Na ja! Das hat noch gefehlt! (Zu Dorn.) Jetzt wird die Scheidung
public!
Dorn. Warum?
Buehler. Warum? Natürlich, Du weißt ja net,
was e Frau im Stand ist, wenn sie die Aussicht hat, vierzehn Tag ohne
Dienstmädche zu sein. (Setzt sich.)
Dorn. Ach so! (Zu Christian.) Du hast wohl die Dörthe
sehr gern gehabt?
Christian. Ei freili!
Dorn. Und wolltest sie heirathen?
Christian. Mrs. Buehler hat g’sagt, se kennt mer
eigentli net derzu rathe und i sollt’ es lieber bleibe lasse, aber (heult jetzt) Mischter Dorn (auf’s Herz zeigend) da sitzt’s, da sitzt’s!
Seit i den Kerle, den Barney so heillos verschlage han, weiß i ganz gwiß, daß
die Dorothee Pätow nie mei Weib wird.
Buehler. (Springt auf, erschrocken.) Wie? Was ist das?
Dorn. (Auf Buehler und Christian blickend, ist verblüfft.)
Buehler. Pätow sagst Du? Weißt Du wo sie
herstammt, wer ihre Eltern waren?
Christian. I glaub, sie hat nie keine g’hett!
Dorn. Hat sie keine Verwandte?
Christian. Ja, das weiß i au net, aber Mrs.
Buehler weiß vielleicht, wo se herkommt; soll se frage?
Buehler. Um Himmelswille, nor net!
Dorn. So? Wie kommst Du darauf?
Christian. Ha no, wie i der Missis Buehler gestern
gesagt han, wie Dörthe heißt, so ist mir’s vorkomme, als ob sie ihre Leut vielleicht
kenne thät.
Buehler. (Zu Dorn.) Gustav, Gustav! ’s wird immer schöner!
Dorn. Geh nur jetzt, Christian.
Christian. Brauchet Se sonscht nex?
Buehler. Nichts! (Für sich.) Hab schon mehr wie genug!
Christian. (Geht lamertirend ab.)
4. Scene.
Buehler, Dorn.
________
Buehler. (In der Aufregung auf und abgehend.)
Da haben wir die Bescheerung.
Dorn. Gottfried, ich fange an Dich wirklich zu
bedauern. Diese letzte Entdeckung setzt all dem Andern die Krone auf. Aber wie
ist es möglich, daß ihr den Namen von eurem Mädchen nicht kanntet?
Buehler. Wer kann die Name von all dene
Wandervögel behalte. Alle paar Tag ein anderes Gesicht. Es ist kein Zweifel
mehr, Dörthe ist das Kind von dem verlassene Frauenzimmer auf dem Schiff und
meine Frau glaubt jetzt, ich hätt’ sie heimlich in’s Haus gebracht, weil mich
das Gewisse schlägt und ich mei — mei —
Dorn. (Stichelnd.) Deine Tochter —
Buehler. (Aergerlich.) Tochter! Laß jetzt Dein unzeitig
Gestichel und wend’ lieber Dein große Advokate-Verstand an, mir aus dem
Schlamassel zu helfe.
Dorn. Erinnerst Du Dich denn keines Umstandes
mehr, der als Beweis für Deine Unschuld gelten könnte? Ist Niemand zu finden,
der diese Beweise erbrächte?
Buehler. (Nachdem er sinnend und sich durch die Haare
fahrend, auf- und abgegangen war.)
Ja, da war e Kerl, so e langer Engländer oder sonst e
Fremder auf dem Schiff, der hat ihr öfters Geld gebracht und ist dann immer,
ohne den Dank abzuwarte und ohne zu reden, verschwunde. Aber wo mag der jetzt
stecke?
Dorn. Ja, das ist allerdings fatal!
5. Scene.
Vorige. Christian, dann Mauser.
________
Christian. Mr. Mayor, jetzt wartet aber der Herr
nemme; soll i en vorlasse?
Buehler. Na meinetwege.
Christian. (Oeffnet Mauser die Thür und geht dann ab.)
Mauser. (Auf Dorn zu.) Ah! Mr. Dorn, freut mich sehr!
Dorn. (Steif verbeugend.) Herr Mauser.
Mauser. (Zu Buehler.) His Honor, the mayor,
nicht wahr?
Dorn. Oh, sind die Herren nicht bekannt? (Stellt vor.) Gottfried! Herr Mauser,
Mitglied des Stadtrathes und Präsident der North Side Improvement Company!
— Seiner Ehren der Herr Bürgermeister!
Buehler. Happy, to meet you!
Mauser. Mr. Mayor!
Dorn. (Leise zu Buehler, indem er Stühle herbeirückt.)
Du, ich glaube, da ist schon Einer am frühen
Morgen, der einen Bargain mit Dir machen will, soll ich Dich mit ihm allein
lassen?
Buehler. (Ebenfalls leise.) Oh no, bleib nur! Du
sollst gleich sehe, wie ich mit der Sort’ fertig werd’!
Dorn. (Von Einem zum Andern blickend.)
Ich störe die Herren wohl und will mich deshalb — —
Buehler. Not at all! Mich nicht. Wenn der
Herr nichts dagege hat, so ist’s mir lieber Du bleibst.
Mauser. (Etwas zögernd.) O durchaus nicht, Mr. Dorn — nur
Geschäfte offener Art.
(Alle setzen sich, kleine Pause.)
Buehler. (Noch stehend, am Tisch. Gravitätisch.) Well, what can I do
for you?
Mauser. (Hüstelnd.) Nun, sehr viel für uns, für meine Company und für
Sie selbst, wenn Sie wollen, Mr. Mayor. (Er zieht eine kleine Landkarte hervor.) Sehen Sie, hier liegen
zwanzig Acker Land, die meine Company in Bauplätze auszulegen gedenkt.
Zwischen diesem Land und der Stadtgrenze aber liegt dieser Streifen da — (deutet auf die Karte.)
Buehler. (Aufmerksam.) Ja, ja, gewiß, mei property.
Mauser. Ganz recht, Ihr Eigenthum. Wir möchten nun
die Straße, die Sie hier sehen, nach unserm Lande durchgeführt sehen.
Buehler. Durch mei property?
Mauser. Ja!
Buehler. Aber mein Land liegt ja 15 Fuß tiefer und
es thät mich ja ein Heidegeld koste es auszufülle und nachher doch nicht mehr
werth sein. Nix come heraus! Daraus werd’ nix!
Mauser. Das sollte mir leid thun!
Dorn. Ist die Stadt denn nach dieser Richtung hin
schon bis zur Grenze besiedelt?
Mauser. Das nicht; aber unser Land liegt schöner
und höher, als das nahe der Grenze und würde sich rascher besiedeln.
Buehler. No, da bin ich entschiede dagege!
Mauser. Das thut mir leid; denn trotzdem wir schon
eine kleine Majorität im Stadtrath sicher haben, hätte ich doch gern Ihre Zustimmung.
Buehler. (Gravitätisch.) Gibt’s net! Die Ordinanz wird
einfach gevetoed! Gevetoed wird se!
Mauser. Sorry, Mr. Mayor, very sorry, aber
— —
Dorn. (Bedeutsam.) Würde Ihre Compagnie Herrn Buehler vielleicht
entschädigen für Ausgaben, die ihm in Jahren nichts einbringen werden?
Mauser. Das käme darauf an, was Herr Buehler für
seine Zustimmung haben möchte!
Buehler. (Zu Mauser.) Was, kaufe wolle Se mich? Kaufe? Wisse Sie was,
Sie und Ihre ganze Company habe zusamme net Cash genug, um den Godfrey Buehler
zu kaufe. Was glaube Sie denn — Sie — Sie —
Mauser. (Lächelnd.) Don't get excited, Mr. Mayor. Also Sie
wollen nicht? — Nun, dann nicht! Ich kann Sie aber versichern, daß Sie die
Ordinanz nicht mit Ihrem Veto belegen werden.
Dorn. Warum sollte Herr Buehler das nicht thun?
Mauser. Weil er jede Stimme braucht, wenn die
Sonntagsfrage demnächst im Stadtrath vorgebracht wird. Die Temperenz-Partei hat
beinahe zwei Dritttheile für sich. Der Herr Mayor wird die Ordinanz natürlich
mit seinem Veto belegen, aber er muß verhindern, daß sein Veto
überstimmt wird! Dazu braucht er Stimmen, und zwar die Stimmen seiner eigenen
Partei und wenn diese gegen ihn fallen, so können Sie sich denken — —
Dorn. (Aufstehend.) Und Sie sind ein Deutscher?
Mauser. (Ebenfalls.) Ja, was man hier so nennt!
Dorn. (Aergerlich.) Natürlich Deutscher, “was man so nennt!” Das heißt: Gott
beschütze uns vor unseren Freunden, mit den anderen werden wir schon fertig
werden. Herr Mauser, von Ihrer Sorte gibt’s, gottlob, nur Wenige, aber immerhin
genug, um sich als ehrlicher Deutschamerikaner herzhaft schämen zu müssen. Herr
Buehler wird wahrscheinlich unter so bewandten Umständen Ihre löbliche Privat-Ordinanz
zu unterzeichnen gezwungen sein.
Buehler. (Läuft ärgerlich im Zimmer herum und ballt die
Faust.)
Dorn. (Zu Buehler.) Nicht wahr, Gottfried, Du wirst —
(Stößt Buehler, der Miene macht “Nein” zu sagen, heimlich an.)
Buehler. Well — all right —
meinetwegen!
Mauser. Nun, das dachte ich mir auch — thank
you, Mr. Mayor — (Will Buehler die Hand reichen.)
Buehler. (Aergerlich, ohne die Hand zu nehmen.) Good bye!
Mauser. (Lächelnd.) Good bye your honor! Good bye Mr. Dorn! (Ab.)
Dorn. Merkst Du nun, Gottfried, warum ich mit der
praktischen Politik nichts zu thun haben mag, das heißt: kein Amt bekleiden
will? Und ich fürchte, Du wirst noch viel weniger leicht mit diesem
Interessenten-Gelichter fertig werden als ich.
Buehler. Ich denk’, ich werd’ die Kerle schon nich
fixe. Wenn sich nur Alles andere so —
Dorn. Pst! Still! Deine Frau kommt!
6. Scene.
Vorige. Frau Buehler.
________
Frau Buehler. (Im Morgenanzug, feierlich.) Guten Morgen Gustav; es
ist gut daß ich Dich treffe.
Buehler. Hast Du vielleicht mit Gustav allein zu
spreche?
Frau Buehler. Nein — die Angelegenheit betrifft
auch Dich. — Gustav, ich bin in dieser Nacht zur Ueberzeugung gekommen, daß es
besser ist, wenn Gottfried und ich uns trennen.
Dorn. Aber Marie —
Frau Buehler. Ich bin fest entschlossen und bitte
Dich, die nöthigen gesetzlichen Schritte zu thun. Meine Ansprüche auf ein
Auskommen für meine Kinder und mich werden mäßige sein, anderseits glaube ich
einiges Anrecht auf eine gesicherte Existenz zu haben, denn — denn ich habe
redlich und treu (wischt sich die Augen) als Gattin an seiner Seite den Wohlstand, den er
besitzt, erringen helfen; anderseits wünsche ich aber nicht, daß — das — das (schluchzt) arme Waisenkind —
Buehler. Aber Marie! —
Frau Buehler. Das arme Waisenkind, die Dörthe
Pätow durch mich leiden oder gar leer ausgehen soll.
Dorn. Aber Marie, Gottfried versichert Dich auf
sein Ehrenwort — —
Frau Buehler. Für mich ist die Schande klar
erwiesen. Der gestrige Abend hat mir die Augen geöffnet. In der Freude über
seine Wahl spielte ihm das Vaterherz den Streich seine schlau angelegten Pläne
über den Haufen zu werfen. Sie war die erste, die er umarmte, als er im Glück
über seine Wahl nach Hause stürmte.
Dorn. Was ist das? Das ist ja sehr verdächtig.
Buehler. Ach was, ich war halt glücklich über
meine Wahl und mußt was zum Knutsche habe; da is mir die ewe in den Weg
gelaufe. Im excitement thut mer Einiges. Wenn ich Dich doch versichere,
daß ich Dörthe weder gekannt, noch gesehe hab’, eh’ sie in’s Haus gekomme is!
Frau Buehler. Lassen wir das, ich weiß genug.
Dorn. Aber wenn er Dir Beweise seiner
vollständigen Unschuld bringen kann?
Frau Buehler. Beweise? Ich sehe nur immer stärkere
Beweise für die Schwärze seines Herzens und seiner Gesinnung und darum ist es
besser, wir trennen uns und zwar auf immer. Ich baue darauf, Gustav, daß Du
sofort die nöthigen Schritte thun wirst, daß in Bälde die, die — (schluchzt) Scheidung ohne
Auffälligkeit bewerkstelligt werden kann.
Dorn. (Mit Advokatenmiene.) Nun denn, Marie, wenn Du willst,
ich stehe zu Diensten.
Frau Buehler. Ich danke Dir. (Ab.)
7. Scene.
Buehler, Dorn.
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Buehler. Bist Du denn verrückt?! Weiß wahrhaftig
net mehr, was ich von Dir halte soll. Mei Alte macht offenbar bitter Ernst und
da redest Du ihr sogar noch das Wort.
Dorn. Aber Gottfried, siehst Du denn nicht, daß
jetzt mit Deiner Frau nicht zu reden ist und daß es besser ist, ihr nicht zu
widersprechen? Laß mich nur machen, vielleicht geht noch alles gut. Geh Du aber
nun Dich in Gala zu werfen. Gleich wird die ganze Herrlichkeit von Gratulanten,
Office-seekers und Schwadroneure erscheinen, dem neuen hochwohllöblichen
Bürgermeister von Porcupine City ihre Aufwartung zu machen!
Buehler. Ach, geh mir weg mit Deine Flause. Was
hab ich mich auf den Tag gefreut und was hat er mir gebracht?! Es geht
mir bald wie dem Bauernbub, der zum Vegräbniß von seim Vater sei roth West net
hat trage derfe: “Jetzt freut mich schon die ganz Leich’ net mehr.” (Ab.)
8. Scene.
Dorn, Harold.
________
(Dorn will ab, trifft auf Harold.)
Harold. Ah, guten Morgen, Mr. Dorn, auch schon
hier?
Dorn. Guten Morgen, Harold, wie Sie sehen. — Was
gibt’s? Etwas Wichtiges auf der Office?
Harold. Nicht daß ich wüßte. War übrigens noch gar
nicht da. Wollte eben mal Frau Buehler sprechen.
Dorn. (Lächelnd.) Wegen Rosie, nicht wahr?
Harold. (Nickt.)
Dorn. Gute Wahl, Harold! Ein prächtiges Mädchen!
Der Alte aber oppositionell, wie?
Harold. Leider!
Dorn. Na, ich weiß davon!
Harold. Frau Buehler ist mir aber sehr gewogen und
will sich unserer bei ihrem Gatten annehmen.
Dorn. Glaub’ ich gerne, aber heute nicht.
Harold. So, warum? Sie hat uns ihre Hilfe ja
gestern noch so warm zugesagt.
Dorn. Ja, zwischen gestern und heute ist eine lange
Zeit. Als prospektives Mitglied unserer illustren Familie darf ich es Ihnen ja
wohl sagen — also im Vertrauen: Herr und Frau Buehler haben sich heillos
überworfen. Die Sache scheint fast unmöglich auszugleichen.
Harold. Herr und Fran Buehler entzweit? Wie
versteh ich das?
Dorn. Hm! Der Artikel im “Evening Light”!
Harold. Ach, die Geschichte mit dem Frauenzimmer
und ihrem Kinde auf dem Auswandererschiff! (Lacht.) Und Frau Buehler glaubt?
Dorn. Gewiß glaubt sie.
Harold. Aber es ist doch nichts an der ganzen
Geschichte!
Dorn. (Aufmerksam.) So? Wissen Sie denn das so ganz genau?
Harold. Well, ich selber weiß nur, was mir
mein Vater angedeutet. Er scheint indessen die Umstände ziemlich genau zu
kennen.
Dorn. So? Vielleicht hat am Ende Ihr Herr Vater
den Artikel selber in die Zeitung —
Harold. (Zornig.) Mr. Dorn!
Dorn. Verzeihen Sie meinen Argwohn! Aber warum hat
Ihr Herr Vater denn nicht öffentlich dementirt?
Harold. Das hätte er auch sicher gethan, wenn er
gedacht hätte, die Sache würde eine solche Wendung nehmen.
(Stimme des Ticketpeddlers hinter der Scene hörbar: “Wie lange soll ich
noch warten?”)
9. Scene.
Vorige. Christian.
________
Dorn. Was gibt’s?
Christian. Da ist Einer, der nemme warte will und
sagt, wenn der Mr. Buehler ihn net glei anhöret wird er ihn für damages
verklage!
Dorn. Schon gut, Christian, gleich!
(Christian ab.)
Dorn. Na, Harold, ich werde Ihren Herrn Vater
sofort aufsuchen.
Harold. Sie finden ihn in seiner Office.
Dorn. In einer Viertelstunde bin ich dort.
Harold. Ich werde Sie anmelden. Good bye!
Dorn. Good bye!
(Harold ab.)
10. Scene.
Dorn, dann Ticketpeddler.
___________
Dorn. So sind die Yankees. Bin ganz überzeugt, den Alten hat
es gekitzelt, daß diese Geschichte in die Campagne hineingespielt hat. Selber
angeregt hat er sie nicht, aber das Capital, das sich daraus schlagen ließ, hat
er stillschweigend für sich hingenommen.
Peddler. (Tritt auf, defekt angezogen, schlottrige Kleider,
Hosen in den Stiefeln und Pelzmütze auf dem Kopf. Kaut ein Primchen und ist ein
klein wenig angetrunken.) Ju’n Dag!
Dorn. (Den Mann ansehend.) Guten Tag. Na, was ist denn das
für eine Species? (Pause.) Was wünschen Sie?
Peddler. (Frech, verlegen.) O — nischt!
(Er sucht einen Spucknapf und als er keinen findet, nimmt er sein Primchen
aus dem Munde und wirft es sorgfältig in die Ecke des Zimmers.)
Dorn. Nichts? Na darum sind Sie doch wohl nicht
hergekommen?
Peddler. Nee! Ick wäre schon jar nich herjekommen,
wenn mich nicht Jemand jesagt hätte, ick sollte mich hier mein Jeld holen.
Dorn. Geld? Was für Geld und wofür?
Peddler. Na vor meine Arbeet, die ick vor Ihnen
jedhan habe.
Dorn. Arbeit? Für mich? — (Für sich.) Ja so, ich bin ja gegenwärtig
mein Schwager! (Laut.)
Haben Sie vielleicht Holz klein gemacht?
Peddler. Nee, det thu ick sonsten; aber heut hef
ick vor Ihnen bei die Leckschen gearbeet.
Dorn. Ja, was denn?
Peddler. Ick habe bei die Wahlkasten jestann’ und
Tickets jepeddelt.
Dorn. So — o! Ja, habe ich Sie denn engagirt?
Oder, wenn es meine Freunde gethan haben, warum wenden Sie sich nicht an die?
Peddler. Ach, die kenne ick jar nich! — So wenig
wie ick Ihnen kennen dhun dhue! Det macht aber nischt aus; — ick habe
den janzen Dag jestanden und habe mir die Beene vor Ihnen abgefroren und nu
will ick meine Bezahlung.
Dorn. (Für sich.) Nicht schlecht, das! (Zum Peddler.) Und wenn ich Ihnen nun
sage, daß ich Sie nicht engagirt habe und Sie deshalb auch keine Forderung an
mich haben, was dann?
Peddler. (Nimmt ein neues Primchen, gelassen.) Dann jehe ick in die 19. Ward und sage die
Entschpeckters, sie sollen Ihnen man nich wählen.
Dorn. (Lächelnd.) So; also auf diese Art wird das gemacht! Ja, aber Mann,
die Wahl ist doch längst vorüber.
Peddler. Jewiß, aber det oviehzielle Zählen nicht.
Dorn. So, also in eurer Ward zählen sie
erst nach dem — Zahlen (macht die Bewegung des Geldzählens.)
Peddler. Ja, ja, so eben meint ick’t man.
Dorn. (Aergerlich werdend.) Wissen Sie denn auch, daß man so
was Betrug nennt?
Peddler. M — ja! Det mag’t wohl sind, und ersten
as ick noch jrün west, hefft ick’t ooch so anseht, aberscht min Nochbar Jochen
Snut söt tau mi: Dat’s Allens was annerscht in Amerika; da möt man smart
sind, hat hei segt! Wer d’ meiste betohlt, de hat’s; ob einer nu die Stimmen vor
die Wahl kauft oder sie nachher kaufen dhut —
Dorn. (Unangenehm berührt.) So — so! Und wie lange sind Sie
schon im Lande?
Peddler. Ick? (Besinnt sich.) Lat mol sehn! Am
nächsten Ersten sind ’t wohl füf Wochen.
Dorn. Hab ich mir’s doch gleich gedacht! Nun will
ich Ihnen was sagen, Landsmann, — wenn das noch in ihren benebelten Kopf
hineingeht — sagen Sie Ihrem Nachbar Knut, oder Snut wie er heißt, er sei ein
Lump und ein gemeiner Verführer, der seine Landsleute zu schlechten Streichen
anhält. Unsere Wahlverhältnisse hier sind gewiß nicht die allerreinlichsten,
aber ein elender Kerl ist der, der sie noch weiter zu verderben sucht, als sie schon
sind.
Peddler. Wat Sie da seggen, haff ick nich all
verstann; aberscht et muß wahr sind. Sie scheinen mich ein juten Boß zu sind.
Ick will Ihnen nu ok zeigen, det ick ehrlich vor Ihnen gearbeet hab. (Sucht lange in den
Taschen.) Wo
is et denn? — dat Düvelstüg! Aha, da heff ick’t! (Reicht’s Dorn.) Da sehen Sie sick Ihnen
man det Ticket an.
Dorn. Ein split-ticket mit Thompson als
Mayor.
Peddler. Ja, det hat so’n kleen parfümigter
Stutzter in die 7. Ward, wo ick vor Ihnen jestanden bin, jepeddelt — aber wi
hefft ihm elklich verkloppt! — Na, wie is et nu mit dem Jelde?
Dorn. Wie viel beanspruchen Sie denn für Ihre
höchst werthvollen Dienste?
Peddler. Tein Dohler.
Dorn. Zehn Thaler?! Nu, ich dächte, das wäre ein
guter Tagelohn —
Peddler. Na billiger kann ick et doch nich dhun!
Et kost mir selbsten so ville.
Dorn. Wie rechnen Sie denn das?
Peddler. Bei det Holzmachen verdien ick füf
Dahler. Dat muß ick nu vorneweg abrechnen. Denn hef ick vor Ihnen drei Dahler
füftig Cent vertrietet und wenn Sie mich nu tein Dahler geben, komm ick bei den
Handel grade raus; denn ’n Dahler brauch ich noch bis ick in die 19.
Ward komme, mit all die Saluhns uff’n Weg.
Dorn. (Lächelnd.) Ja so; daran habe ich allerdings nicht gedacht. Ich will
Ihnen das Geld geben, weil Ihre Familie das jedenfalls gut brauchen kann.
Peddler. Familie hab ick noch nich, aber ick wull
mi hier eene suchen.
Dorn. Sie wollen heirathen?
Peddler. Nu ja, dat heißt, ick bin man schon so
halb und halb verheirathet. Mine Braut is schon vor 26 Jahren nach Amerika
ausjewandert und nu wull ick sehen, ob ick ihr nich finden dhue!
Dorn. Wo sind Sie her? Unb wie heißen Sie denn
eigentlich?
Peddler. Ick bin aus Pommern, und heiße Pätow,
Willem Pätow!
Dorn. Was? Wär’s möglich?
Peddler. Na, warum sollt’ ick nich. Ick habe mir
lange jenug jeschämt, det ick so heiße, Ihnen kann ick’t ja seggen. Sie
scheinen mich einen braven Mann zu sein. Ick war ein Luftikus, hab meine erste
und einzigste Lieb sitzen lassen, weil mich eine andere besser jefiel. — Na, nachher
war’s mit die erst recht nischt, — dann hab ick mir det Trinken
angewöhnt, ging in’s Weite und strome nu so einige twintig Jahre in die Welt
herum; aber det Verlangen nach meine erste Leiv konnt ick doch nie loskriegen.
Dorn. Na, nun ist’s allerdings hoch an der Zeit.
Peddler. Ja, aber ick bin nu auf die richtige
Spur.
Dorn. Gut, gut, wir wollen’s hoffen! — Kommen Sie
nur mit mir; vielleicht kann ich Ihnen, wenn auch nicht zu einer Braut, so doch
zu einer Tochter verhelfen!
Peddler. Wie? Wat seggen Se da?
Dorn. Fragen Sie nicht. — Kommen Sie nur. (Abseits.) Jetzt zu Thompson; ich
fühle, er kann Licht in das heillose Dunkel dieser Geschichte bringen. (Beide ab.)
11. Scene.
Frau Buehler, dann Oldham.
________
Frau Buehler. (Tritt nachdenklich auf.) Es muß sein. Der Schritt
ist nothwendig, wenn mir’s auch in’s Herz schneidet mein Unglück vor die Augen
der Welt gezerrt zu sehen! Aber was wird nun aus Rosa und Harold? Ich mag mir
die Zukunft nicht ausmalen, es könnte mich wahnsinnig machen!
Oldham. Aunty, what’s up — Bist Du unwohl?
Frau Buehler. Nein, nicht im Geringsten!
Oldham. Du siehst etwas angegriffen aus! Freust Du
Dich denn nicht über Uncle’s election?
Frau Buehler. O gewiß — gewiß thue ich das — aber
die Aufregung der letzten Tage hat mich etwas angegriffen. — Was führt Dich zu
mir?
Oldham. Aunty, ich — ich bin gekommen, Dich
in einer Sache zu sehen, in welcher Du für mich sehr viel thun kannst. Wie
würde ich Dir, perhaps, als son-in-law gefallen?
Frau Buehler. Als Schwiegersohn? Das ist mir ja ganz
was Neues!
Oldham. Ja, ich liebe Rosie von ganzem Herzen und
ich möchte daß Du mir dabei hilfst sie für mich zu gewinnen.
Frau Buehler. Ja, warum frägst Du sie nicht
selbst?
Oldham. I guess she don‘t like me.
Frau Buehler. (Für sich.) Ich glaube es auch. (Laut.) Rosie’s Herz ist nicht
mehr frei.
Oldham. I know it.
Frau Buehler. Nun?
Oldham. Well, ich dachte, so weit wäre es
noch nicht.
Frau Buehler. Ich glaube doch. Harold Thompson hat
bei mir um Rosas Hand angehalten.
Oldham. Und Du hast ihn encouraged und ihm,
perhaps, sogar Rosie’s Hand versprochen?
Frau Buehler. Ja und nein!
Oldham. Also ist noch Hoffnung?
Frau Buehler. Meine Zustimmung haben die
Brautleute. Es fehlt nur noch die Onkel Buehlers.
Oldham. Uncle Buehler wird seine Zustimmung zu der
Verbindung seiner Tochter mit dem Sohn seines Feindes nie geben; never!
Fran Buehler. Ach so; — nun darüber kannst Du Dich
beruhigen!
Oldham. Wenn aber Leute alles aufbieten um Onkel
Buehler zu defeaten —
Frau Buehler. Das ist nun einmal in der Politik
nicht anders.
Oldham. Wenn sein Opponent aber Dinge in die Welt
hinausgeschickt hätte, die Onkel Buehlers Charakter touchen?
Frau Buehler. (Aufmerksam.) Was? Wie meinst Du das?
Oldham. (Spöttisch lächelnd.) Didn’t you read the papers?
Die Geschichte auf dem Steamer anno dazumal?
Frau Buehler. Wie käme Thompson damit in
Verbindung?
Oldham. Was thut ein Yankee nicht, um zu seinem
Zweck zu gelangen? Harold Thompson is none too good for that.
Frau Buehler. Also Du glaubst, Harold hätte —
Oldham. Nun, wer denn sonst?
Frau Buehler. (Nach einer Pause.) Charley, das kann ich
nicht glauben!
Oldham. Well, — vielleicht war’s auch der alte
Thompson. Irgend einer von der crowd hat es in die Welt hinausgesprengt.
Frau Buehler. (Aufmerksam.) Also gewiß weißt Du es
nicht?
Oldham. M — no — but —
Frau Buehler. Dann solltest Du aber auch nicht den
Verdacht aussprechen. Wenn Onkel Buehler davon erfährt, wird er bei seiner
leichtgläubigen Natur bitter ergrimmt werden über die Thompsons.
Oldham. (Unvorsichtig.) That would just suit me!
Frau Buehler. So, also daher bläst der Wind? Du
willst Zwietracht säen? Fast bringst Du mich auf die Vermuthung, daß Du selbst
Derjenige bist, der diese Geschichte verbreitet hat.
Oldham. (Für sich.) Perhaps she aint much out of the way!
Frau Buehler. Aber ich will zu Deiner Ehre
annehmen, daß ich mich irre und daß ein Funke wahrer Liebe für Rosa in Dir ist,
der Dich zu solch verwerflichen Mitteln greifen ließ.
Oldham. (Aergerlich, für sich.) I guess my little scheme
didn’t work, after all.
Frau Buehler. Charley, Charley — Du einziges
irregeleitetes Kind meiner armen verstorbenen Schwester! Wie glücklich ist sie,
daß sie Dich heute nicht sehen kann! Sie, die für Dich gelitten und nach Deines
Vaters Tode ihre paar Kenntnisse auffrischte und Lehrerin wurde, um Dich
ernähren zu können und die schließlich unter der Last ihres Berufes
zusammenbrach.
Oldham. (Ungeduldig.) Oh sha! Das sind alte
Geschichten; ich hatte sie schon alle glücklich vergessen.
Frau Buehler. Ja, allerdings hast Du sie
vergessen, wie Du den ehrlichen Namen vergessen hast, den sie trug. Du bist die
Mutter nicht werth, die immer nur an Dich und Deine Zukunft dachte und die mit
ihrem letzten Athemzuge noch Deinen Namen stammelte.
(Sie steht auf und geht an die Kommode, um eine Schatulle aus derselben zu
holen.)
Oldham. (Für sich.) She’s wound up, it seems.
Frau Buehler. Schon längst hatte ich die Absicht,
die paar Andenken die sie hinterließ, Dir zu übergeben, aber ich wollte warten,
bis Du etwas ernsteren Sinnes geworden und diese Andenken so achten würdest,
wie sie es verdienen. — Hoffentlich rühren Dich diese Zeichen aufopfernder
Liebe und flößen Dir etwas Wärme und guten Willen in Dein kaltes verstockes
Herz!
(Kehrt zum Tisch zurück.)
Oldham. (Für sich.) Sentimental nonsense.
Frau Buehler. (Die Schatulle öffnend.) Hier unter unseren
eigenen Familienpapieren habe ich sie sorgsam aufbewahrt. Sieh hier das
Selbstbildniß Deines Vaters auf der alten Broche, die Deine Mutter einst mit so
gerechtem Stolze trug — diese blonde Locke, die ich für Dich noch in der
letzten Stunde aus der Fülle ihrer Haare geschnitten, — hier Deine ersten
Kinderschuhe —
(Oldham ist lässig auf die Schatulle zugegangen und blickt die Gegenstände
gleichgültig an.)
12. Scene.
Vorige. Christian.
________
Christian. Mrs. Buehler! Mrs. Buehler!
Frau Buehler. Was gibt’s?
Christian. Se send scho älle do, die Herre, die
dem Mayor Buehler gratulire wöllet.
Frau Buehler. Ach so! Herr Buehler wird wohl in
seinem Zimmer sein. Rufe ihn Christian.
Christian. (Nach links ab.)
13. Scene.
Frau Buehler, Oldham. Pete, Smith, Crooke, Cook, Jones.
Dann beide Thompsons. Später Buehler, Knödel, Balzer,
Lutz. Zuletzt Rosie und Fritz.
________
Oldham. (Ist an der Schatulle stehen geblieben und hat
darin eifrig gekramt und scheint etwas gefunden zu haben, was ihn höchlichst
interessirt.)
Pete. Good morning, Mrs. Buehler! (Stellt die mit ihm
gekommenen Herren vor.)
Mrs. Buehler, Mr. Smith; Mrs. Buehler, Mr. Cook; Mrs.
Buehler, Mr. Crooke; Mrs. Buehler, Mr. Jones; Mr. — Mr. — Na, Sie wisse ja, wie
Sie heiße.
(Einer nach dem andern tritt vor und sie sprechen abwechslungweise: Glad
to meet you — Happy to see you — Glad to know you — How dy u. s. w. und
schütteln Frau Buehler derb die Hand, welche dieselbe nachher vor Schmerz
reibt.)
(Thompson und Harold kommen von der Mitte. Buehler, in
Wichs und mit Würde, tritt von der Seite auf und schüttelt die Hände der
anwesenden Herren. — Er ist etwas verblüfft, Thompson zu sehen, faßt sich aber
schnell.
Rosa und Fritz treten ebenfalls ein.)
Thompson. (Auf Buehler mit Anstand zugehend, im Rednerton.) Herr Buehler! Ich beeile
mich einer der Ersten zu sein, Ihnen meine Gratulation darzubringen. Ich habe
jedes ehrliche Mittel gebraucht Sie zu schlagen, es ist mir aber nicht
gelungen. Das Volk hat gesprochen; ich beuge mich seinem Willen und reiche
meinem ehrenwerthen Gegner die Hand! Wollen Sie dieselbe annehmen?
Buehler. (Etwas verblüfft, dann mit Stolz.) Gewiß, Judge, hier mei
Hand! (Schütteln
sich kräftig die Hand.)
Harold. Auch ich gratulire Ihnen von Herzen.
Buehler. Danke! Danke! (Für sich.) Die Yankees habe doch so a Art
an sich; — ich könnt’s net!
Rosa. Gratulire Papa!
Fritz. Me too, Papa! Didn’t I tell you I’d win my
bet!
(Beide treten zu Frau Buehler.)
Oldham. (Hat währenddem die Papiere in der Schatulle
durchsucht; er forscht nach einem Blatt, das er nicht finden kann. Endlich
tritt er mit einem Dokument an Buehler heran.) Sag mal, uncle, bist Du
denn auch Landesbürger?
Buehler. (Entrüstet.) Dumme Frag!
Oldham. Wo verwahrst Du denn Deine papers?
Buehler. Papers? Brauch ich keine! Ich bin
als minorenner Bub von 19 Jahr mit meim Vater eingewandert und bin demnach
Bürger auch ohne Papiere.
Oldham. Ja, dann muß aber Dein Vater Citizen
gewesen sein.
Buehler. Er war’s auch! Ich weiß noch wie er für
McClellan gestimmt hat. Wart emal — sei Bürgerschei muß doch noch in der Box
sein. (Ruft.) Mama!
Oldham. Laß nur! Dies ist das einzige Papier, was
in der Box enthalten ist.
Buehler. Nun — und?
Oldham. (Im Stillen triumphirend.) Well, dies ist nur das
erste paper Deines Vaters — his intention paper — sonst ist
keines vorhanden.
Buehler. (Starrt das Papier an, besieht’s von alten Seiten,
kratzt sich hinter’m Ohr und läuft endlich an die Schatulle, worin er dann
eifrig, aber erfoglos kramt. Inzwischen hat sich Oldham zu den Freunden
Buehler’s gewandt und ihnen mit lebhaftem Bedauern angedeutet, daß Buehler
wahrscheinlich kein Bürger sei. Bewegung unter den Anwesenden.)
Balzer. Kein Bürger, — dummes Zeug!
Lutz. Ich hab ihn ja schon stimmen sehen, wie ich
noch so klein war wie ein Baby! (Macht die Bewegung.)
Smith. Das will nichts heißen! Es stimmt Mancher,
der kein Recht dazu hat.
Knödel. A nice piece of business that! Wir
quälen uns ab ihn zu erwählen und nachher kommt’s ’raus, daß er kein Bürger
ist.
Pete. Was habt Ihr g’sagt? Der Capt’n ist kein
Bürger? — Nonsense! (Geht zu Buehler an den Tisch.) Wo sein Deim Vater seine
Papiere?
Buehler. (Gibt Pete ein Blatt, welches er zu lesen
versucht. Da er dieses aber schlecht fertig bringt, wendet er sich mit
demselben an Judge Thompson. Alle folgen neugierig.)
Pete. Judge, gucke Se mal das Papier do an. Ist
das vielleicht e mortgage oder e marriage-license, oder was is
es?
Thompson. (Besieht das Papier.) Nein, das sieht aus, wie ein
Bürgerschein.
Pete. (Zu den Anderen gewendet.) No, was habe ich gesagt?
Thompson. Aber nur eine Intentions-Erklärung.
Pete. (Verdutzt.) So? Und der Bub, dem sei Vatter net voller Bürger ist,
eh der Bub majorenn geworde is, der Bub ist kein Bürger?
Thompson. Ja, so ist es!
Pete. (Nach einer kleinen Pause.) That settles it.
Oldham. (Hämisch lächelnd, für sich.) I think so too!
Buehler. (Sinkt in das Sopha.) O, ich Esel!
Rosa. O weh, jetzt ist alles aus!
Harold. Das hat uns gerade noch gefehlt.
31 (Harold und Rosa
gehen mit lebhaften Geberden des Bedauerns auf Buehler zu. Buehler wehrt sie
ab.)
Balzer. (Zu Buehler.) Du bist uns ein Schöner! Willst
für Mayor laufen und weißt noch nicht, daß das erste Gebot im Lande heißt: Du
sollst Bürger werden.
Knödel. All die Arbeit — das schöne Geld und —
obendrein den Katzenjammer — alles umsonst!
Balzer. Und der schöne Gedanke endlich einmal eine
fette Office zu bekommen, ist auch futsch!
Knödel. ’s ist schändlich!
Balzer. Zu dumm!
Smith. Dam fool!
Jones. (Lachend.) It serves that greenhorn right!
(Alle nach hinten.)
Pete. Wer war denn aber der Schmartmeier, der sein
Nas in annere Leute ihre papers steckt?
Buehler. (Fährt plötzlich auf und deutet auf Oldham.) Da steht der Schuft mit
seiner Spürnas, dem ich sein Lebtag Wohlthate erwiese hab und die er mir jetzt
auf die Art dankt! (Zu Oldham.) Mach, daß Du mir aus de Auge kommst, daß ich net vergeß, daß ich Dein
Onkel bin und Dir net die Knoche im Leib verschlag.
Alle. Schmeißt den Kerl, den Schuft, den Lump
hinaus! Hinaus! Hinaus! (Wollen auf ihn zu.)
14. Scene.
Vorige. Dorn, Ticketpeddler, Christian, Reporter, Dörthe.
________
Dorn. Was gibt’s denn da?
Pete. Eweda wolle mer en Schuft enausschmeiße!
Dorn. Einen Augenblick! Soeben komme ich von der
Office des “Evening Light,” wo mir auf dringendes Verlangen mitgetheilt wurde,
daß der Name des Mannes, der die verläumderische Geschichte über Herrn Buehler
in die Zeitung brachte (spöttisch) Mr. C. J. Oldham ist! (Zum Reporter.) Nicht wahr, Herr Reporter, Sie bestätigen mir
das?
Reporter. Gewiß! Er wollte erst den “Volkswächter”
damit beglücken, aber Herr Buehler weiß, daß mir nichts Nachtheiliges gegen ihn
bringen würden, auch wenn’s die Wahrheit wäre.
Alle. Schmeißt den Schuft hinaus.
Peddler. Halt mal! Dat is ja der kleene parfümigte
Stutzer, der in die 7. Ward, wo ich jestanden bin, det split-ticket
jepeddelt hat. Das Jeschäft is ihn aber bald jelegt worden. En feiner Herr, (wird Harold ansichtig) ach ja, da sind Sie ja
woll ook! Ju’n Dag! Det haben Sie fein jemacht. (Zu den Uebrigen.) Als hei nich jehen
wullt, do hat er em mit die Hand jezeigt, wo de Weg hinlöpt, (macht Gebärde) un wi Annern mit drop, —
rin in die Gosse! —
Alle. ’raus mit ihm.
Oldham. (Wird hinausgeworfen. Die Freunde Buehlers, außer
Pete, gehen mit ab.)
Frau Buehler. Wer ist dieser Mann?
Dorn. Dieser Ehrenwerthe ist Dörthens Vater! Wie
Enoch Arden war er verschollen und ist wieder aufgetaucht zur Freude seiner
Tochter Dörthe und (leise zu Frau Buehler) zu Deinem und Gottfrieds Glück!
Christian. (Zieht Dörthe in die Thür, wo sie stehen bleibt.) O Frau Buehler, se will
net rei komme! I weiß, se hat net schön an Ihne ghandelt, aber sehet Se, i
konnt halt net ohne sie sei. Wöllet Se uns net de Sege gebe? (Winkt Dörthe, die aber
nicht kommen will.)
Frau Buehler. Schon gut, lieber Christian (reicht beiden die Hand), ich wünsche Ihnen und
Dörthe alles Glück — das wissen Sie ja — aber nun (sich bei Dorn und den Anderen
umsehend)
erklärt mir das Räthsel?
Dorn. (Auf Judge Thompson deutend.) Da steht der Mann, der damals
auf dem Schiff das Mädchen unterstützt hat. (Zu Thompson.) Judge jetzt reden Sie!
Buehler. Ja, war ich denn blind? Sie ware der
lange Ker — Engländer — dafür hab ich Sie nämlich damals gehalte — über den ich
mich so schmählich geärgert hab?
Thompson. Ja, ich habe damals, durch unseren
Consul veranlaßt, dem armen Mädchen die Ueberfahrt ermöglicht.
Buehler. Judge — shake! Sie sind doch e
famoser Kerl! (Zu Frau Buehler.) Alte, hast Du’s gehört? Meine Beweise — da sind sie!
Frau Buehler. (Fällt weinend Buehler um den
Hals.)
Gottfried! (Zu
Thompson.)
Herr Thompson! O wie ich Ihnen dankbar bin.
Buehler. Jetzt kann mer der ganze politische
Krempel gewoge bleibe. Der Mayor ist futsch! Alte, aber Du lebst und ich halt
Dich im Arm, wie in uns’re junge Tage!
(Umarmung, Händeschütteln.)
Frau Buehler. Lieber Gottfried!
Buehler. (Zu Harold.) Jetzt aber zu Ihnen, junger Mann! Sie sind a
Gentleman! Ja, noch mehr: Sie verdiente a Deutscher zu sein! — Nein, ich mein’s
im Ernst und wenn es Ihrem brave Vater recht is und Sie wolle die Tochter von
einem — geschlagene Mann zur Frau habe, so gehört sie Ihne. (Zu Frau Buehler.) Was sagst Du, Alte? (Zu Thompson.) Judge?
Frau Buehler. O meinen Segen haben sie schon
längst!
Thompson. Auch den meinigen!
Rosa. (In die Arme ihres Vaters.) Lieber Vater! (In die Arme Harolds.) Harold!
Harold. My dear Rosie!
15. Scene.
Vorige. Mrs. Mayer. Damencomite.
________
Mrs. Mayer. (War gegen Ende der vorigen Scene an der Spitze
des Damenkomites, welches das Silberservice feierlich vor sich herträgt,
eingetreten, und wendet sich nun an Buehler, der seinerseits sich noch einmal
gravitätisch aufrichtet.) Soeben von Ihrer glorreichen Wahl unterrichtet, nehmen
wir die Gelegenheit wahr unserem neuen Bürgermeister die schuldige
Hochachtung darzubringen und ihm, das von seinen Mitbürgern zuerkannte Geschenk
eigenhändig zu überreichen.
Buehler. Well, Mrs. Mayer, ich dank Ihne
vielmals für Ihre gute Absicht, aber Sie komme mit Ihre Gratulation e wenig zu
spät! Mei Termin is um! — Ich habe schon wieder resigned. Den Pitcher
aber werd ich zur Erinnerung an mei kurze Mayorschaft dankbar behalte. (Zur Seite.) Bezahlt hab ich ihn ja
doch!
(Das Service wird auf den Mitteltisch gesetzt.)
Dorn. Und etwas Eiswasser kann Dir auch nicht
schaden!
Pete. (Am Mitteltisch, Christian dahinter.) Mer kann ja auch — da —
was Anders draus trinke, net wohr? (Winkt Christian, der eilends mit dem Service abgeht.)
Buehler. Schö, Alte, wär’s aber doch gewese, wenn
mer jetzt auch noch “Mr. und Mrs. Buehler” heiße dhäte!
Pete. Never mind, wenn Du Berger werst,
kannst Du bei der nächste Wahl noch emal laufe.
Buehler. Du besser laufst und sorgst dafor, daß
mer emal anstoße könne auf das neue engagement!
Pete. Hawe mer scho besorgt. (Christian tritt auf.) Her mit dem
Temperenzkessel!
Dorn. Da kommt der Pitcher ja gerade recht.
(Christian kehrt mit dem gefüllten Pitcher zurück. Pete und Christian
gießen in die zu demselben gehörigen Becher und reichen diese herum.)
Buehler. Hoffentlich platzt er net, wenn e
stärkerer Droppe hinei kommt als Eiswasser.
Dorn. Also: Das Brautpaar soll leben!
Buehler. (Indem er seine Frau um die Taille faßt.) Und die Alte danebe.
Pete. (Vortretend.) Und der Herr Mayor Bueh —
Buehler. Werst Du gleich still sei!
Alle. Hoch! Hoch! Hoch!
Vorhang fällt.